" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Symbole

Sonntag, 28. Mai 2006

Sex, Freiheit, Zuversicht - ein Pas de Deux

Entrée

Nehmen wir an, ein anarchistischer Satanist, ein fröhlicher Polymythologe und eine ästhetizistische Sensualistin würden unter den Augen aller die Wörter Sex, Freiheit und Zuversicht unter Zugabe einiger Kräuter in einen Kessel geben, in dem Met gebraut wurde, den eine Festgemeinschaft trinken sollte. Sicher, hier geht es um ein heidnisches Spektakel mit viel Gelächter, merkwürdigen Gestalten und obskurantistischer Wortmagie. Welche Reichweite hätte aber diese Wortmagie? Naheliegend für eine heidnische Veranstaltung wäre eine spezifizierte, lokale, den Horizont des Rituals nicht verlassende Stoßrichtung des performativen Sprechaktes. Ideologische Bekenntnisse und Ausrufungen, seien sie nun politischer, esoterischer oder psychologischer Art sind da fehl am Platz.

Allerdings erweitert sich die Stoßrichtung an dieser Stelle dennoch erheblich. Unsere drei Protagonisten hatten sich vorgenommen, den gemeinsamen Weg, den die Konzeption der Zeremonie den Teilnehmern vorgab, "abstrakt" zu beschreiten. Diese seltsame Prädizierung rekurriert weniger auf die Bedeutung von "unanschaulich" oder "nichtsinnlich" (und damit als Gegenbegriff zu "konkret"), sondern auf eine Wortverwendung, die in der literarischen Zauberwelt Carlos Castanedas auf das Konzept des magischen Unbeschreiblichen, des "Nagual" referiert:

Auch wenn uns die Schar der erkenntnistheoretischen Biedermeier einreden will, dass der Palast der Sprache mit seinen Ecken und Winkeln zugleich ein hermetisch verriegeltes Gefängnis sei, aus dem es für unser Erleben angeblich kein Entrinnen gibt, gibt es Eindrücke, Handlungsweisen, Erlebnisse und Widerfahrnisse , die uns nicht nur aus den vorgezeichneten Bahnen unserer Lebensform werfen, sondern auch die Möglichkeiten unserer Sprache transzendieren. Neben der Poesie (und mit ihr verwandt) ist dies das Revier der Magie. Wenn wir die Grenzen der Zivilisation vorübergehend überqueren, um in die Magie einzutauchen (und damit ist nicht die Welt von Harry Potter gemeint), werden wir mit einer Erkenntnis konfrontiert, die einem Vulgär-Wittgensteinerianer nur als philosophischer Unsinn erscheinen kann: Es ist "die Erkenntnis, dass Wissen und Sprache unabhängig voneinander bestehen können." (1)

Castanedas Supermann namens Don Juan erläutert die systematische Nutzung solcher Erkenntnis anhand des Umgangs, den ein Zauberer mit der ominösen Entität "Geist" (für die auch synonym die Bezeichnungen "die Unendlichkeit" oder "die Absicht" verwendet werden) pflegt: "Für einen Zauberer ist der Geist ein Abstraktum, weil er ganz einfach von ihm weiß - ohne Worte, sogar ohne Gedanken. Er ist ein Abstraktum, weil der Zauberer sich den Geist nicht vorstellen kann. Aber auch ohne Aussicht oder den Wunsch, den Geist zu verstehen, pflegt der Zauberer Umgang mit ihm. Er erkennt ihn, er beschwört ihn herbei, er lockt ihn hervor, er macht sich vertraut mit ihm und bringt ihn durch seine Taten zum Ausdruck."(2)

Wer Freude am Wagemut hat, der kann der Zuversicht, dem Sex und der Freiheit ähnlich gegenüber treten, kann sie ebenfalls als Abstraktum in diesem zweiten, magischen Sinne erleben. Der zauberische Umgang folgt ähnlich wie beim oben erwähnten castanedischen "Geist" der Maxime: "Für einen Zauberer ist ein Abstraktum etwas, wofür es im menschlichen Leben kein Gegenstück gibt. (...) Die Zauberer begegnen dem Abstrakten, ohne darüber nachzudenken oder es zu berühren oder seinen Gegenwart zu spüren." (3)

Wir sehen: Das Abstraktum wird zu einer weiteren Zutat, die die Wirkungsweise streuen und die Reichweite dieser Aktion vergrößern könnte. In welche Richtung? Hier mag zunächst eine Begriffsdefinition der anderen genannten Ingredienzien hilfreich sein.

Für unseren anarchistischen Satanisten, der zur "Freiheit" anstiftete, könnte die folgende Beschreibung des antiken Freiheitsbegriffs durch Hannah Arendt eine von mehreren gültigen Möglichkeiten sein:
„Freisein hieß, frei zu sein von der allen Herrschaftsverhältnissen innewohnenden Ungleichheit, sich in einem Raum zu bewegen, indem es weder Herrschen noch Beherrschtwerden gab.“ (4)
„Freiheit“ im Arendt`schen Sinne ist jedoch deutlich weiter gefaßt und eng mit dem „Handeln“ in ihrer idealisierten Rekonstruktion der griechischen Polis verknüpft. Dieses „Handeln“ findet ausschließlich im öffentlichen, politischen Raum statt, wie er in der griechischen Antike verstanden wurde (siehe hier).

Kurz zusammengefaßt ist dieser Raum frei von allen alltäglichen Notwendigkeiten, die dem reinen Lebensunterhalt dienen. Es erfordert Wagemut, diesen Raum zu betreten und die Bereitschaft, das Leben selbst aufs Spiel zu setzen. Gleichzeitig halten sich in diesem Raum mehrere gleichberechtigte Personen auf, Herrschaftverhältnisse existieren im Idealfall nicht. Diese Gleichberechtigung wird nicht im neuzeitlichen Sinne als eine Forderung der Gerechtigkeit verstanden, sondern als eine Vorraussetzung der Freiheit.

Aus dieser Freiheit heraus kann echtes Handeln entstehen, dass, wie die Freiheit selbst, viele Gefahren birgt: niemand kann die Konsequenzen seiner Taten bis ins kleinste Detail voraussehen: im antiken Stadtstaat sind in der Regel mehrere Personen an einer Handlung beteiligt. Beispielsweise folgen sie freiwillig der Idee eines Einzelnen und führen mit ihm gemeinsam die Tat aus. Dadurch wird die Lage für den Initiator unübersichtlich. Es mag scheinen, als sei er nicht mehr Täter, sondern dem weiteren Verlauf seiner Handlung hilflos ausgeliefert, die sich nun vor seinen Augen entfaltet und für ihn und andere auch verschiedene, möglicherweise unangenehme Nebeneffekte hervorbringen kann. Ist er dann überhaupt noch „frei“?

Hannah Arendt beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“: Der Fehler, der Denkfehler, der dem oben geschilderten Zweifel zugrunde liegt, scheint in der Gleichsetzung von Souveränität und Freiheit zu liegen, Begriffe, die in Hannah Arendts Argumentation einander entgegengesetzt sind: „kein Mensch ist souverän, weil Menschen und nicht der Mensch die Erde bewohnt.“ (5). Souverän kann nur ein absoluter Herrscher sein, der wiederum mit Macht und Gewalt die Freiheit der anderen unterdrückt: „Dass es sich hier nicht um Schwäche oder Stärke im Sinne der Selbstgenügsamkeit oder der Abhängigkeit von anderen handelt, kann man sich vielleicht am einfachsten daran vergegenwärtigen, dass auch die Götter des Polytheismus, wie mächtig sie auch sein mögen, niemals souverän sind; souverän ist nur der einzige Gott. Wo immer Pluralität ins Spiel kommt, ist Souveränität nur in der Einbildung möglich, und der Preis für sie ist die Wirklichkeit selbst.“ (6)

Daraus ließe sich folgern, dass Freiheit mehrere gleichberechtigte Personen, einen gemeinsamen Raum des Agierens, die Unabhängigkeit von der Sorge um die Lebensnotwendigkeiten und das Fehlen von Herrschaftssystemen innerhalb dieses Handlungsraumes voraussetzt. Das Handeln selbst könnte in diesem Zusammenhang als der sichtbare Ausdruck der Freiheit betrachtet werden.


___________
Fußnoten
(1) Carlos Castaneda: "Die Kraft der Stille"; Frankfurt a.M. 1992; S. 50
(2) Carlos Castaneda: "Die Kraft der Stille"; Frankfurt a.M. 1992; S. 51
(3) Carlos Castaneda: "Die Kraft der Stille"; Frankfurt a.M. 1992; S. 51-52
(4) Hannah Arendt: "Vita activa"; München, 2005; S. 43
(5) Hannah Arendt: "Vita activa"; München, 2005; S. 299
(6) Hannah Arendt: "Vita activa"; München, 2005; S. 299

Mittwoch, 10. Mai 2006

Karneval in Gagliano

Carlo Levi, Anfang der dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts in ein verlassenes Städtchen im Süden Italiens verbannt, beschreibt in seinem Buch "Christus kam nur bis Eboli" (München, 1982) unter anderem heidnische Einstellungen und Sichtweisen der Bewohner des Ortes.
Levi wird in Gagliano vom dortigen Karneval Treiben überrascht: "Unerwartet und anachronistisch kam der Karneval heran. In Gagliano gibt es weder Feste noch Spiele, so dass ich seine Existenz vollständig vergessen hatte. Aber eines Tages wurde ich daran erinnert, als ich, während ich durch die Hauptstraße über den Platz hinauswanderte, drei weißgekleidete Gespenster auftauchen und blitzschnell heranlaufen sah. Sie kamen in großen Sprüngen und heulten wie wütende Tiere [...] Sie waren ganz weiß [...] Sie wirkten wie losgelassene Dämonen, voll wilder Begeisterung für diesen einzigen Augenblickvon Narrheit und Straflosigkeit...

(a.a.O., S.190)

Interessant geht die Geschichte weiter, als der Autor den Kindern des Dorfes zu eigenen Masken verhilft: "Ich machte mich also ans Werk und fabrizierte aus weißen Papierzylindern mit Löchern für die Augen, jedem eine Maske, die viel größer als das Gesicht war und alles bedeckte. Warum weiß ich nicht, vielleicht in Erinnerung an die düsteren Baurenmasken, die ich gesehen hatte, vielleicht auch vom Ortsgeist, ohne es zu wollen, angesteckt, jedenfalls machte ich sie alle gleich, schwarz weiß bemalt, und alle waren sie Totenköpfe mit schwarzen Höhlungen für Augen und Nase und lippenlosen Zähnen. Die Kinder waren nicht erschreckt, sondern höchst vergnügt, und beeilten sich, sie überzustülpen, setzten auch Baron eine auf und rannten davon in alle Häuser des Ortes. Es war inzwischen Abend geworden, und die zwanzig Gespenster kamen schreiend in die von rotem Kaminfeuer und schwankenden Öllämpchen nur spärlich erleuchteten Zimmer. Die Frauen flohen entsetzt; denn hier ist jedes Symbol wirklich, und die zwanzig Kinder waren an diesem Abend in Wahrheit ein Triumph des Todes.
(a.a.O. S.191)

An dieser Stelle wird ein deutlich anderes Symbolverständnis erkennbar, als das, welches in modernen Traditionen gepflegt wird: im heidnischen Verständnis sind Symbole nicht Platzhalter für eine andere, "wirkliche" Sache, die in der Realität existiert und als eine Art Schauspiel vorgeführt wird. Die Kinder sind in diesem Falle der Tod selbst und genauso gefährlich wie er - deshalb flüchten die Frauen. Strenggenommen gibt es in diesem Sinne keine Symbole - was dargestellt wird, ist die Realität und kann direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben: im vorgestellten Beispiel könnten die Kinder also den Tod bringen.
Aus dieser Sichtweise könnten sich weiterführende Anregungen für neuheidnische "Rituale" ergeben: nicht mehr Dolche, Kelche oder Feuer "symbolisieren" mächtige Kräfte, wie Fruchtbarkeit, Sex, Freiheit und Veränderungen im eigenen Leben, sondern die Darstellung selbst, das Spiel oder Theater ist die Sache an sich, sie hat Macht und direkte Auswirkung auf das alltägliche Leben.
Praxis der Aphrodisia



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