Die neue Lettre International, Heft 80 fängt diesmal sehr vielversprechend poetisch mit einem Artikel von Giwi Margwelaschwili an: "Wir sind Alpinisten der Gedichtweltverwaltung und klettern in den Bergen des Herzens. Wir haben uns den höchsten Berg in dem ganzen Herzgebirge als Ziel genommen, den Gipfel der reinen Verweigerung. So heißt dieser Peak. Übrigens nicht zu Unrecht, denn majestätisch hoch und unnahbar ragt der Zacken in den Himmel. Eigentlich sind wir eine Rettungsmannschaft. Viel zu oft kommt es nämlich vor, dass sich ein lyrisches Ich in diesem Gebirge versteigt und klagend seine Hilferufe per Funk in die schon ziemlich dünne Gedichtwelthochgebirgsluft hinausschickt."
Wunderbar geht es später, nach längerer Auflistung diverser, lauernder Gefahren ins diesem Gebirge, weiter: "Jetzt könnten Sie sich fragen, lieber Leser, ob wird den lyrischen Egos in den Niederungen und Tiefebenen der Gedichtwelt auch hinreichende Informationen über die große Gefahr haben zukommen lassen, die der Peak des Herzhochgebirges für sie bedeutet. Sie könnten fragen, ob wir diesen Egos auf extra dazu einberufenen Versammlungen nicht einschärfen, dass es für sie notwendig ist, den Peak - wenn überhaupt - nur gemeinsam und unter der Führung eines erfahrenen Herzbergsteigers der Versweltverwaltung zu besteigen. Und Sie würden vielleicht staunen, wenn wir Ihnen antworteten: "Nein, mein Herr, den lyrischen Egos, die auf den Peak des Herzhochgebirges wollen, raten wir in keiner Weise ab. Wir informieren sie vorsätzlich nicht über die Gefahren, die sie beim Aufstieg dort erwarten. Damit würden wir die Lyrischen nur abschrecken, sich in unserem Herzhochgebirge als Bergsteiger zu versuchen." [...]
Sieht diesmal nach sehr guter Lektüre aus, zumal die Lettre diesmal noch mehrere weitere Artikel bringt, die mich sehr interessieren.
Stefanie Imann - 21. Mrz, 23:53
Des weiteren verlangen die Herausforderungen, die sich in den demokratischen Gesellschaftsordnungen unter den Bedingungen sozialer Komplexität stellen, innovative instituionelle Entwürfe. Tatsächliche erleben wir aber überall eine Erschöpfung utopischer Energie (Habermas), und unsere soziale Vorstellungskraft scheint uns gerade da zu verlassen, wo wir sie am dringendsten brauchen. Diese Erschöpfung utopischer Energie geht, was die Geschichte, die Gesellschaft und die Kultur betrifft, mit einem schwindelerregenden Gefühl der Kontingenz einher. Es sieht so aus, als könnte alles anders sein oder anders gewesen sein, nur sind unsere politischen Kulturen viel zu träge, um innovative Lösungen hervorzubringen.
(Seyla Benhabib, Hannah Arendt - die melancholische Denkerin der Moderne, Rotbuch Rationen, 1998, S.326)
Ein demokratisches Volk muss seine Identität in der Öffentlichkeit in Szene setzen, damit es seine innere Vielfalt erkennen kann und mit den Folgen, die diese Vielfalt gegebenenfalls für sein Selbstverständnis hat, zurechtkommen kann. Sowohl bei Individuen wie bei Kollektiven wachsen sich Bedrohungen, die von einem Anderssein ausgehen und nicht zerstreut werden, zu Ressentiments gegenüber anderen aus, die nicht so sind wie man selbst. Die freie Öffentlichkeit in einer demokratischen Gesellschaftsordnung muss allen Gruppen in der Zivilgesellschaft in gleicher Weise die Möglichkeit zugestehen, sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Jede neue soziale, kulturelle oder politische Gruppe präsentiert ihren Standpunkt den anderen oder stellt sich selbst den anderen so dar, dass sie sich umdeutend zu einer öffentlichen Erscheinung wandelt.
(a.a.O. S. 327)
"Im allgemeinen lehnen Intellektuelle Mord und Blutvergiessen ab. Viele von ihnen, aber keineswegs alle, verwerfen die Gewalt, predigen Toleranz und beschwören das Argument als das einzige aktzeptable Mittel, Streitigkeiten zu schlichten. Gleichwohl können ihre Handlungen ebenso zerstörerisch sein wie die ihrer zur Brutaltität neigenden Zeitgenossen. Bestimmte Annäherungen an das, was als das Problem der Realtität bezeichnet wird, sind Beispiele dafür.
(Paul Feyerabend, Die Vernichtung der Vielfalt, S.28)
Feyerabend zitiert im weiteren Jaques Monod:
Dies strenge und nüchteren Idee [die der objektiven Erkenntnis als der einzigen Quelle authentischer Wahrheit] die keine Erklärung bietet, sondern einen asketischen Verzicht auf jede weitere geistige Nahrung fordert, konnte die angeborene Angst nicht beruhigen; im Gegenteil - sie steigerte die Angst aufs höchste. Sie wollte eine hunderttausendjährige, ganz dem menschlichen Wesen assimilierte Tradition mit einem Schlage auslöschen; sie hob den alten animistischen Bund des Menschen mit der Natur auf und hinterließ anstelle dieser unersetzlichen Verbindung nur ein ängstliches Suchen in einer eisigen, verlorenen Welt. Wie konnte eine solche Idee, für die nichts als eine puritanische Anmaßung zu sprechen schien, akzeptiert werden? Sie ist nicht akzeptiert worden, bis heute nicht. Wenn sie sich trotzdem durchgesetzt hat, dann allein aufgrund ihrer erstaunlichen Leistungsfähigkeit.