Göttervorstellungen im antiken Griechenland
„Was bedeutet für den Griechen das Göttliche, und in welchem Verhältnis steht der Mensch zu ihm? Solchermassen formuliert, droht diese Frage von vornherein in die Irre zu leiten, denn die Wort sind nicht unschuldig: Der Begriff „Gott“ evoziert bei uns nicht nur ein einziges, ewiges, absolutes, vollkommenes, transzendentes Wesen, welches Schöpfer alles Existierenden ist; mit ist auch eine Reihe anderer Begriffe verbunden, wie das Heilige, das Übernatürliche, der Glaube, die Kirche und ihr Klerus, mit denen zusammen es einen besonderen Erfahrungsbereich – das Religiöse – absteckt, dessen Platz, Funktion und Status von den anderen Bereichen des sozialen Lebens klar abgegrenzt sind. Das Sakrale steht im Gegensatz zum Profanen, das Übernatürliche im Gegensatz zur natürlichen Welt, der Glaube zum Unglauben, der Kleriker zum Laien, ebenso wie Gott von einem Universum verschieden ist, welches zu allen Zeiten von ihm verschieden ist, welches zu allen Zeiten von ihm abhängt, da er es geschaffen hat, und das heißt nach christlichem Verständnis, aus dem Nichts geschaffen hat.
Die vielzähligen Götter des griechischen Polytheismus dagegen besitzen keine solchermaßen als göttlich definierten Eigenschaften. Sie sind weder ewig, noch vollkommen, noch allwissend, noch allmächtig; sie haben die Welt nicht erschaffen, sondern sind in ihr und durch sie geboren; [...] Ebenso wie die Menschen, wiewohl über ihnen stehend, sind die Götter integraler Bestandteil des Kosmos.
(aus: Einführung - Der Mensch des Antiken Griechenland, Jean-Pierre Vernant, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 11)
Jean – Pierre Vernant (Professor und Ehrenpräsident des Collège de France) geht in dem von ihm herausgegebenen Band „Der Mensch der griechischen Antike“ der Frage nach „welche besonderen Merkmale das Verhältnis des griechischen Menschen zum Göttlichen, zur Natur, zu seinen Mitmenschen, zu sich selbst kennzeichnet, durch die die „Andersheit“ seiner Handlungs-, Denk- und Fühlweisen – ich möchte sogar sagen, seiner Art auf der Welt, in der Gesellschaft, bei sich selbst zu sein – offenbar wird.“ (a.a.O. S. 10)
Schon bei seinem kurzen Abriss vom Verhältnis des antiken, griechischen Menschen in bezug auf seine Götter wird deutlich, dass moderne Menschen erst einmal die gewohnte Brille ihrer Weltsicht ablegen müssen: möchte man alte Kulturen, aber auch sogenannte “fremde Völker” (aus westlicher Perspektive) verstehen, ist es nötig, eigene Sichtweisen und Weltbilder beiseite zu legen und sich auf neue Denkmodelle einzulassen.
Viele der unterschiedlichen Wahrnehmungen und Sichtweisen der antiken Griechen, die Vernant beschreibt, dürfte auch auf andere Völker, seien es archaische, wie die germanischen gentes, seien es noch heute existierende Naturvölker, zutreffen. Vor diesem Hintergrund wird seine Analyse besonders interessant.
So darf kann man beispielsweise davon ausgehen, dass auch in der germanischen Kultur die Götter nicht als vollkommene Wesen wahrgenommen wurden: sie begingen durchaus „Fehler“, traten in gegenseitige Konkurrenz und hatten nur einen begrenzten Überblick über zukünftige Ereignisse. Ebenso wie die griechischen Götter bewohnten sie eine gemeinsame Welt mit den Menschen, deren Naturgesetzen sie teilweise ebenso ausgesetzt waren wie die Menschen selbst.
Götter im griechischen, wie im germanischen Kontext, waren stärker, hatten mehr Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten als einfache Menschen – unsterblich waren sie jedoch nicht.
Mit diesen aus menschlicher Perspektive bei weitem mächtigeren und langlebigeren Wesen konnten Menschen Verträge und Abkommen schließen und sich so die Unterstützung dieser Wesenheiten sichern. Zu bestimmten Zeitpunkten abgehaltene Rituale und Zeremonien, in deren Mittelpunkt im antiken Griechenland häufig ein tierisches Opfer stand, wurden die Bande zwischen Göttern und Menschen gestärkt. Gleichzeitig wirkten diese Handlungen auch auf die menschliche Gemeinschaft zurück: im gemeinsamen Ritus wurden soziale und gesellschaftliche Bande bekräftigt.
Kulthandlungen hatte in diesem Sinne nicht ausschließlich mit einem religiösen Akt zu tun, sondern waren integraler Bestandteil der griechischen Polis. Wer sich dem Kult entzog, verweigerte sich der Gemeinschaft. Es stellte sich in diesem Zusammenhang kaum die Frage, ob jemand an die Götter glaubte oder nicht, sondern ob jemand an den gemeinschaftlichen Handlungen und Riten teilnahm.
Eine Trennung zwischen „Religion“ und „Gesellschaft“ war für die Griechen nicht vorstellbar: die Götter scheinen eher eine Art Vorbildcharakter für das menschliche Leben gehabt zu haben. Mit ihren Heldentaten, Abenteuern, Verhaltensweisen spiegelten sie in einer „reineren“ und dauerhafteren Form das Ideal des griechischen Lebens wieder.
Der griechische Mensch konnte sich somit an einem Vorbild orientieren, ohne allerdings in einen zu großen Druck zu geraten: da die Götter trotz allem hoch über ihm standen, konnte niemand verlangen, dass ein einzelner Mensch dem Handeln der Götter gleichkam.
„Andererseits steht ausser Frage, dass der Hauptunterschied zwischen den Göttern und den Menschen in der besonderen Kraft gesehen wird, über welche die Götter verfügen: Sie sind bei weitem die „Stärksten“. Zurückzuführen ist diese Vorstellung zum einen auf die Urerfahrung, dass in dieser Welt übernatürliche Kräfte wirken; zum anderen hängt dies mit der poetischen Darstellungsweise zusammen, durch welche aus den Gottheiten Wesen werden, die die Eigenschaften der Heroen in höchstem Maße verkörpern. Die Götter unterscheiden sich untereinander dadurch, dass sich ihre Kraft jeweils auf verschiedene Bereiche erstreckt, auch wenn sie – zumal sie keine begrifflichen Abstraktionen, sondern konkrete Personen sind – in der Regel Figuren darstellen, die mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen, deren Kräfte also in zahlreichen, sich zum Teil überschneidenden Bereichen wirksam werden.“
(aus: Der Mensch und die Götter, Mario Vegetti, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 308)
Die vielzähligen Götter des griechischen Polytheismus dagegen besitzen keine solchermaßen als göttlich definierten Eigenschaften. Sie sind weder ewig, noch vollkommen, noch allwissend, noch allmächtig; sie haben die Welt nicht erschaffen, sondern sind in ihr und durch sie geboren; [...] Ebenso wie die Menschen, wiewohl über ihnen stehend, sind die Götter integraler Bestandteil des Kosmos.
(aus: Einführung - Der Mensch des Antiken Griechenland, Jean-Pierre Vernant, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 11)
Jean – Pierre Vernant (Professor und Ehrenpräsident des Collège de France) geht in dem von ihm herausgegebenen Band „Der Mensch der griechischen Antike“ der Frage nach „welche besonderen Merkmale das Verhältnis des griechischen Menschen zum Göttlichen, zur Natur, zu seinen Mitmenschen, zu sich selbst kennzeichnet, durch die die „Andersheit“ seiner Handlungs-, Denk- und Fühlweisen – ich möchte sogar sagen, seiner Art auf der Welt, in der Gesellschaft, bei sich selbst zu sein – offenbar wird.“ (a.a.O. S. 10)
Schon bei seinem kurzen Abriss vom Verhältnis des antiken, griechischen Menschen in bezug auf seine Götter wird deutlich, dass moderne Menschen erst einmal die gewohnte Brille ihrer Weltsicht ablegen müssen: möchte man alte Kulturen, aber auch sogenannte “fremde Völker” (aus westlicher Perspektive) verstehen, ist es nötig, eigene Sichtweisen und Weltbilder beiseite zu legen und sich auf neue Denkmodelle einzulassen.
Viele der unterschiedlichen Wahrnehmungen und Sichtweisen der antiken Griechen, die Vernant beschreibt, dürfte auch auf andere Völker, seien es archaische, wie die germanischen gentes, seien es noch heute existierende Naturvölker, zutreffen. Vor diesem Hintergrund wird seine Analyse besonders interessant.
So darf kann man beispielsweise davon ausgehen, dass auch in der germanischen Kultur die Götter nicht als vollkommene Wesen wahrgenommen wurden: sie begingen durchaus „Fehler“, traten in gegenseitige Konkurrenz und hatten nur einen begrenzten Überblick über zukünftige Ereignisse. Ebenso wie die griechischen Götter bewohnten sie eine gemeinsame Welt mit den Menschen, deren Naturgesetzen sie teilweise ebenso ausgesetzt waren wie die Menschen selbst.
Götter im griechischen, wie im germanischen Kontext, waren stärker, hatten mehr Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten als einfache Menschen – unsterblich waren sie jedoch nicht.
Mit diesen aus menschlicher Perspektive bei weitem mächtigeren und langlebigeren Wesen konnten Menschen Verträge und Abkommen schließen und sich so die Unterstützung dieser Wesenheiten sichern. Zu bestimmten Zeitpunkten abgehaltene Rituale und Zeremonien, in deren Mittelpunkt im antiken Griechenland häufig ein tierisches Opfer stand, wurden die Bande zwischen Göttern und Menschen gestärkt. Gleichzeitig wirkten diese Handlungen auch auf die menschliche Gemeinschaft zurück: im gemeinsamen Ritus wurden soziale und gesellschaftliche Bande bekräftigt.
Kulthandlungen hatte in diesem Sinne nicht ausschließlich mit einem religiösen Akt zu tun, sondern waren integraler Bestandteil der griechischen Polis. Wer sich dem Kult entzog, verweigerte sich der Gemeinschaft. Es stellte sich in diesem Zusammenhang kaum die Frage, ob jemand an die Götter glaubte oder nicht, sondern ob jemand an den gemeinschaftlichen Handlungen und Riten teilnahm.
Eine Trennung zwischen „Religion“ und „Gesellschaft“ war für die Griechen nicht vorstellbar: die Götter scheinen eher eine Art Vorbildcharakter für das menschliche Leben gehabt zu haben. Mit ihren Heldentaten, Abenteuern, Verhaltensweisen spiegelten sie in einer „reineren“ und dauerhafteren Form das Ideal des griechischen Lebens wieder.
Der griechische Mensch konnte sich somit an einem Vorbild orientieren, ohne allerdings in einen zu großen Druck zu geraten: da die Götter trotz allem hoch über ihm standen, konnte niemand verlangen, dass ein einzelner Mensch dem Handeln der Götter gleichkam.
„Andererseits steht ausser Frage, dass der Hauptunterschied zwischen den Göttern und den Menschen in der besonderen Kraft gesehen wird, über welche die Götter verfügen: Sie sind bei weitem die „Stärksten“. Zurückzuführen ist diese Vorstellung zum einen auf die Urerfahrung, dass in dieser Welt übernatürliche Kräfte wirken; zum anderen hängt dies mit der poetischen Darstellungsweise zusammen, durch welche aus den Gottheiten Wesen werden, die die Eigenschaften der Heroen in höchstem Maße verkörpern. Die Götter unterscheiden sich untereinander dadurch, dass sich ihre Kraft jeweils auf verschiedene Bereiche erstreckt, auch wenn sie – zumal sie keine begrifflichen Abstraktionen, sondern konkrete Personen sind – in der Regel Figuren darstellen, die mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen, deren Kräfte also in zahlreichen, sich zum Teil überschneidenden Bereichen wirksam werden.“
(aus: Der Mensch und die Götter, Mario Vegetti, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 308)
Thaleia - 1. Jan, 13:31






