" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Fertigkeiten

Montag, 10. März 2008

Verzeihen 2

"Handeln, das an Untaten versagt, dem die Untat gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht, bewegt sich im Geflecht der Taten, und Verfehlungen sind auch Taten in dem gleichen Sinne, wie mißratene Gegenstände immer noch das Produkt des Herstellens sind. Dass aber das Vergeben eine dem Handeln selbst innewohnende Fähigkeit zur Korrektur des Mißratenen ist, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der merkwürdigen Tatsache, dass das Verzeihen, also das Rückgängigmachen eines Gehandelten, die gleiche Person-enthüllenden und Bezug-stifenden Charaktere aufweist wie das Handeln selbst." (Hannah Arendt, Vita aktiva, S. 308)

Arendt führt im weiteren aus, dass das Vergeben immer ein persönlicher Akt ist: nicht die Tat an sich wird vergeben, sondern man verzeiht eine Sache um einer Person selbst willen. Man könnte sagen, dem menschlichen Aspekt, der niemals unfehlbar ist. Diese Art zu Verzeihen schafft wiederum Bindungen und Bezugsrahmen der Menschen untereinander. An Orten, an denen mir auch "Fehltritte" vergeben werden, an denen auch "Unglücksfälle" oder Leiden um meiner selbst willen in Kauf genommen werden, kann ich immer wieder neue Abenteuer wagen, neue Dinge erproben - es ermöglicht mir ein Leben in Freiheit und ein Ausschöpfen meiner Möglichkeiten. Gleichzeitig setzt natürlich ein Lerneffekt ein: eine Gruppe, die im sozialen Zusammensein neue Wege einschlagen möchte, anfängt eigene Regeln für ein Miteinander aufzustellen, ist sich dessen bewußt, dass an diesen Stellen mehr Fehler passieren werden, als dies auf ausgetretenen Pfaden der Fall ist. In der gemeinsamen Auseinandersetzung wird ebenfalls klar, dass das "Unrecht" als solches bestehen bleibt: jemand hat sich falsch verhalten und gleichzeitig die Gruppe oder einzelne ihrer Mitglieder in Mitleidenschaft gezogen. Ein höheres Maß an gegenseitigem Verständnis ist nötig, gleichzeitig ist von den Beteiligten allerdings ein höheres Maß an Umsicht gefordert.

Samstag, 8. März 2008

Verzeihen

"Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit - dagegen, dass man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte und nicht wissen konnte, was man tat - liegt in der menschlichen Fähigkeit, zu verzeihen. [...] Verfehlungen sind alltägliche Vorkommnisse, die sich aus der Natur des Handelns selbst ergeben, das ständig neue Bezüge in ein schon bestehendes Bezugsgewebe schlägt; sie bedürfen der Verzeihung, des Vergebens und Vergessens, denn das menschliche Leben könnte gar nicht weitergehen, wenn die Menschen sich nicht ständig gegenseitig von den Folgen dessen befreien würden, was sie getan haben, ohne zu wissen was sie tun. Nur durch dieses dauernde gegenseitige Sich - Entlasten und Entbinden können Menschen, die mit der Mitgift der Freiheit auf die Welt kommen, auch in der Welt frei bleiben, und nur in dem Maße, in dem sie gewillt sind, ihren Sinn zu ändern und neu anzufangen, werden sie instand gesetzt, ein so ungeheueres und ungeheuer gefährliches Vermögen wie das der Freiheit und des Beginnens einigermaßen zu handhaben." (Hannah Arendt, Vita Aktiva oder vom tätigen Leben, Piper, 3. Auflage 2005, S.303ff)

Hannah Arendt bezieht sich in dieser Textstelle auf ihren Begriff des "Handelns" - also Taten, die einen Anfang haben, sowie jemanden der sie beginnt und "Mittäter", die die Tat unterstützen und voranbringen. Ein Beispiel wäre der Bau eines Wikingerschiffes und die darauf folgende, gemeinsame Raubfahrt an fremde Gestade. NIemand kann vorher absehen, ob die Schiffsbesatzung überleben wird, im Sturm umkommt, reiche Beute mit nachhause bringt oder arm und verwahrlost an den heimatlichen Herd zurückkehrt. Es steht jedermann frei, an der Fahrt teilzunehmen, Fehler in der Planung oder Unwissenheit über ferne Länder sind mögliche Gefahrenquellen, auf die die Mannschaft sich einläßt.

Allerdings läßt sich Arendts Zitat ebenso auf beinahe alle Situationen des menschlichen Miteinanders anwenden: Menschen treffen täglich mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Unzulänglichkeiten aufeinander: sei es beim gemeinsamen Abendessen, bei der Planung einer Veranstaltung, in Gemeinschaftsprojekten oder ganz profan wenn sie irgendeine Form von Arbeit zusammen unternehmen und sei es nur die Zubereitung einer Mahlzeit. Verschiedene Meinungen und Herangehensweisen prallen dann oft aufeinander.
In der Regel sucht man sich mit zunehmendem Alter und Erfahrung die Menschen recht genau aus, mit denen man häufiger am gleichen Tisch sitzen möchte. Ebenfalls wird einem zunehmend bewußt, dass es den "perfekten" und immer richtig handelnden und sprechenden Menschen nicht gibt. Und man selbst diese Perfektion aller Wahrscheinlichkeit nach genauso wenig erreichen wird. Dort setzt schon der erste "Verzeihensmechanismus" mir selbst gegenüber ein: immer wieder Fehler zu machen und gerade im zwischenmenschlichen Bereich niemals allen gegenüber wirklich fair und gerecht handeln zu können. Im Laufe der Jahre findet sich, wenn alles gut läuft, aus diesem Gesamtpool der "Unperfekten" ein wohlwollender Freundeskreis zusammen, der in etwa dem eigenen Lebensstil mit all seinen Bedürfnissen, Werten und alltäglichen Umgangsformen am Meisten entspricht. Dieser Kreis an Menschen kann in Kontinuität allerdings nur dann Bestand haben oder sogar produktiv tätig werden, wenn sich alle Beteiligten der Notwendigkeit des ständigen Verzeihens bewußt sind - normalerweise eine soziale Fertigkeit, die wir schon als Kinder in der Familie erlernen. Bei dem täglichen "Verzeihen" scheint es sich um eine Art "sozialen Vertrag" zu handeln, der stillschweigend zum größten Teil von allen eingehalten wird. Personen, die diesen Vertrag nicht einhalten und unnachsichtig jeden Verfehlung und jede vermeintliche Charakterschwäche der anderen deutlich und öffentlich aussprechen (ohne sich selbst über die eigenen Unzulänglichkeiten bewußt zu sein oder diese gleichwertig und im Sinne gegenseitigen Verständnisses zur Diskussion zu stellen) fallen normalerweise früher oder später aus dem Kreis der Freunde heraus. Ein soziales Miteinander, dass durchaus auch Kritik und Diskussion zuläßt, ist ohne die grundsätzliche Bereitschaft des Verzeihens und wirklichen Vergebens und Vergessens nicht möglich.

Donnerstag, 6. März 2008

HandWerk von Richard Sennett

Über 300 Seiten von Richard Sennetts Werk habe ich nun hinter mir. Ob ich die restlichen gut 130 auch noch schaffen werde? Leider muss ich das bezweifeln. So beeindruckend Sennetts Persönlichkeit in der direkten Diskussion ankommt, so sehr langweilte mich sein Buch. Ich kann mich auch erinnern, es ging mir schon einmal so. Was man seinem aktuellen Werk zugute halten muss: es ist auf jeden Fall leicht verständlich. Mein Wissen über die zehntausendjährige Geschichte der Ziegelsteinherstellung hat sich deutlich erhöht. Ebenso bin ich über alte Handwerkskünste wie Glasbläserei, Töpfern, Geigenbau sowie diverse französische Kochrezepte bestens informiert.

Was mich eigentlich interessierte, blieb weitgehend auf der Strecke bei dieser Fülle an langatmigem Detailwissen. Orginelle Gedankengänge, die über die bereits in der Diskussion am Freitag hinausgehen, finden sich kaum. Die gesellschaftlichen Auswirkungen auf das zunehmende Verschwinden der Handwerkskunst werden wenig behandelt, ebenso vermisse ich weitere Beispiele, auf welche Lebensbereiche sich die handwerklichen Fertigkeiten und ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben ausdehnen lassen. Passagen wie diese haben im Buch leider Seltenheitswert:

"Es mag der Eindruck entstehen, dass dieses Verständnis guten Übens der Verbindlichkeit zu geringe Bedeutung beimißt, doch ein verbindliches Engagement dieser Art hat zwei Seiten: die Entscheidung, dass eine Sache es wert sei, getan zu werden, oder dass eine bestimmte Person es wert sei., Zeit mir ihr zu verbringen; und die Pflicht, die wir gegenüber einer Sitte oder den Bedürfnissen eines Menschen empfinden. Der Rhythmus organisiert eine Verbindlichkeit im zweiten Sinne. Wir lernen, wie wir eine Pflicht immer wieder erfüllen. Theologen haben schon vor langer Zeit gezeigt, dass religiöse Rituale wiederholt werden müssen, wenn sie Überzeugungskraft erlangen sollen: Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Die Wiederholung sorgt für Stabilität, doch in der religiösen Übung wird sie deshalb nicht schal. Der Zelebrierende antizipiert jedes Mal, dass etwas Bedeutendes geschehen wird." (a.a.O., S.238)

Samstag, 1. März 2008

Richard Sennett in Köln

Gestern abend zur Eröffnung der Lit Cologne besuchten wir bei stürmischen Wetter eine Diskussion und Lesung mit dem bekannten Soziologen Richard Sennett in der Kulturkircher Köln.. Beeindruckt hat mich die Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit dieses Mannes auf den ersten Blick. Noch sympathischer wurde er mir, als er die Diskussion nach gut 1, 5 Stunden beenden wollte, um draußen eine Zigarette zu rauchen. Dieses Vorhaben jedoch wurde von der Moderatorin vereitelt. Leider? Für mich als Raucherin vielleicht, trotzdem war ich auch die nächsten 20 Minuten weiterhin gefesselt.

Sennett stellte sein neuestes Buch "HandWerk" (Berlin Verlag; Auflage: 1, 10. Januar 2008) vor. "Handwerk" versteht sich eher im englischen Sprachgebrauch als im deutschen. Sennett spricht hier nicht nur vom klassischen Handwerker, also Schreiner, Maler, Mauerer, sondern er dehnt den Begriff auf "Fertigkeiten" aus. Diese Fertigkeiten schließen ebenso das Tun von Musikern, Programmierern, Laboranten, Schriftstellern, etc. ein. Im Gegensatz zu seiner Lehrerin Hannah Arendt räumt Sennett dem Homo faber einen größeren Stellenwert und Beitrag zum öffentlichen Leben ein, wenn er von den Verhaltensweisen moderner Linux - Programmierer spricht: " Am "griechischten" ist Linux in seinem unpersönlichen Charakter. In Linux -Online- Workshops vermag man unmöglich zu erkennen, ob "aristotle@mit.edu" nun ein Mann oder eine Frau ist. [...] Ähnlich unpersönlich ging es auch bei den archaischen Handwerkern zu. In der Öffentlichkeit wurden die demioergoi oft mit dem Namen ihres Berufsstandes angesprochen. Tatsächlich hat Handwerk stets etwas in dieser Weise Unpersönliches. [...] Dass Sie eine neurotische Beziehung zu Ihrem Vater haben, ist keine Entschuldigung dafür, dass Ihre Schwalbenschwanzverbindung nicht fest sitzt.[...] Man könnte auch sagen, dieses unverhohlen Unpersönliche bringt die Menschen dazu, sich nach außen zu wenden." (a.a.O., S. 41f.)
Für mich natürlich interessant, hier eine Verbindung zu meiner Massagetätigkeit aufzubauen. Von Sennett sind noch weitere zwei Bücher geplant, die ebenfalls für mich spannende Fragestellungen aufwerfen werden: Krieger und Priester, eine Studie die sich "mit der Gestaltung von Ritualen zum Umgang mit Aggression und Glaubenseifer" (a.a.O., S. 18f.) befassen wird, sowie der dritte Band Der Fremde, der "die Fähigkeiten erkunden [soll], die erforderlich sind, um eine dauerhafte Umwelt zu schaffen und darin zu leben." (a.a.O., S.19)
Abschließend bleibt noch ein weiterer Pluspunkt Sennetts zu nennen: da die Diskussion auf Englisch stattfand, versprach er, langsam und deutlich zu sprechen - was er tatsächlich den gesamten Abend über durchhielt.
Praxis der Aphrodisia



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ein schneller Gedanke
Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine...
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36
Ich glaube nicht, das...
Ich glaube nicht, das die Griechen die Handlungen ihrer...
babu (anonym) - 31. Mrz, 21:36
Klingt alles sehr gut! Ich...
Klingt alles sehr gut! Ich freu mich schon auf das...
larissa-laura - 27. Mrz, 18:37
remembering
kann ich mich sehr gut daran erinnern. es war auf der...
lemeuf (anonym) - 29. Jan, 18:00
Soviel Grass kann ich...
Das ich mich mit diesem Saft über mehr als die...
netztaucher - 22. Aug, 02:10
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Architeuthis - 22. Mrz, 16:26
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Khaire! Auch wir haben bei unseren Bemühungen,...
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