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" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Eigentum und Besitz

Dienstag, 27. Dezember 2005

Hoensa - Thóris Saga - die Geschichte vom Huehnerthorir

„Es war ein Mann namens Thorir. Er war arm an Habe und nicht sehr beliebt bei den Leuten insgemein. Er warf sich darauf, dass er des Sommers mit seiner Ware von Landschaft zu Landschaft zog und in der einen verkaufte, was er in der anderen gekauft hatte, und bald wuchs ihm ein Vermögen an von diesem Handel. Einmal, als Thorir übers Hochland nach dem Norden zog, führte er Hühner mit sich fort ins Nordviertel und verkaufte sie mit anderer Handelsware: davon bekam er den Beinamen Hühnerthorir.
Mit der Zeit erwarb Thorir soviel, dass er sich Land kaufen konnte, dort, wo es Zum See heißt, oberhalb von Norderzunge. Wenige Jahre hatte er gewirtschaftet, da war er ein so vermögender Mann geworden, dass er so ziemlich bei jedermann großer Summen stehen hatte. Aber mochte er auch zu Reichtum kommen, er blieb doch unbeliebt; und es gab auch kaum einen unangenehmeren Menschen als den Hühnerthorir.“

(Hoensa – Thóris Saga, in: Island Sagas – Erzählkunst, Diederichs, 2.Auflage 1995, S. 274)

Im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, zählt die Hoensa – Thóris Saga zu den jüngeren Werken der Sagaliteratur. Im Gegensatz zum üblichen Erzählstil der Islandsagas weist sie verschiedene Abweichungen auf: So ist der Held der Saga, der Hühnerthorir, ein gesellschaftlicher Aussenseiter der keine der sonst üblichen „Ahnenaufzählungen“ vorzuweisen hat – als einzige Figur in dieser Saga ist nur sein Name bekannt und ein einziger Verwandter, der als „Rumtreiber“ charakterisiert wird. Falsche, topographische Angaben, verfälschte Verwandtschaftsverhältnisse, unwahrscheinliche Angaben zu gesellschaftlichen Verhältnissen und juristischen Prozeduren.

Da auch dem Publikum des 13. Jahrhunderts noch diese Ungereimtheiten aufgefallen sein dürften, ist davon auszugehen, dass sie bewusst eingesetzt wurden.
Diese Annahme verstärkt sich betrachtet man den inhaltlichen Ablauf der Saga:
Dem Hühnerthorir, der wie mehrfach erwähnt wird, kein Ansehen in der isländischen Gesellschaft genießt, gelingt es immer wieder, mit Hilfe von Tricks und dem Einsatz finanzieller Mittel auch hochangesehene und der Tradition verpflichtete Isländer in seine Händel mit einzubeziehen.
Schon im zweiten Kapitel erkauft er sich ein verwandtschaftliches Verhältnis zu dem Goden Arngrim, indem er die Pflegschaft für dessen Sohn Helgi übernimmt. Arngrim ist sich wohl bewusst, dass ihm diese Pflegschaft keine Ehre einbringt, doch kann er einem verlockenden finanziellem Angebot des Thorir nicht widerstehen. (a.a.O., S. 274)

Den edlen und weit geachteten Bluntketil lässt der Hühnerthorir wie einen Idioten erscheinen: als Bluntketil vom Thorir im Winter Heu für seine Pächter kaufen will, verweigert Thorir im dies mit höhnischen und lügnerischen Bemerkungen, obwohl er über mehr als genug Heu verfügt. Der Hühnerthorir verhält sich nicht als Ehrenmann, der anderen in der Notlage hilft, sondern nutzt seine neue Machtstellung als Pflegevater des Helgi schamlos aus – selbst wenn dies bedeutet, dass andere hungern müssen.
Bluntketil nimmt sich das Heu schließlich mit Gewalt. Diese Tat findet in der isländischen Gesellschaft durchaus Zustimmung. Andererseits verschafft sich Thorir durch List und Geldangebote die Hilfe bedeutender Männer und bricht so eine Fehde zwischen mehreren angesehenen Familien vom Zaun.

Im Verlauf des Konflikts trägt immer wieder berechnendes Kalkül, die Verlockung vermeintlichen Reichtums und Hinterlist den Sieg über althergebrachte Traditionen davon. Obwohl der Hühnerthorir selbst relativ schnell aus der eigentlichen Erzählung sang – und klanglos verschwindet (und später erschlagen wird) haben sich die neuen Verhaltensweisen auch bei den angesehenen Isländern bereits eingeschlichen: jeder scheint sich hier nun selbst der Nächste und versucht, sich am Unglück des anderen zu bereichern.
So plündern nach der vom Thorir in die Wege geleiteten „Brenna“ von Bluntketils Hof die zur Hilfe gerufenen und verpflichteten Verbündeten diesen Hof aus, bzw. nehmen ihn mit höhnischen Bemerkungen in den eigenen Besitz. Herstein, der hier als Sohn des Bluntketil dargestellt wird (aber wohl eher sein Enkel gewesen ist), ist der Leidtragende, obwohl er sich ehrenhaft und gemäss den althergebrachten Sitten verhalten hat.
Herstein mutiert darauf hin selbst zu einer Person mit Ellbogenmentalität, der nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht ist.
Im Verlauf der Geschichte treten noch weitere ehrenwerte Männer auf, wie beispielsweise Thord Brüller, die aus anderen Sagas bekannt sind. Diese stehen aufgrund ihres traditionellen Verhaltens häufig wie Trottel da, denn alle anderen haben bereits den neuen Zeitgeist erkannt und tragen im Konflikt den Sieg davon.

Die Saga wurde natürlich für ein christliches Publikum geschrieben. Möglicherweise sollte diesem deutlich vor Augen geführt werden, dass die alten Werte und Lebensweisen sich längst überholt haben. Gleichzeitig möchte aber auch niemand die Verhaltensweisen des unsympathischen Hühnerthorir in sich selbst verwirklicht sehen.
Allerdings scheint der neu aufgetauchte, merkantile Lebensstil die Zeichen der Zeit zu repräsentieren: nur wer sich auf Kosten anderer bereichert oder einflussreiche Männer mit Hilfe von Geldversprechungen auf seine Seite lockt, hat Aussicht, ein erfolgreiches Leben zu führen.
Wer die alten Traditionen pflegt und weiterverfolgt, wird am Ende von allen ausgebeutet und steht als Idiot da, den niemand mehr ernst nimmt. Gemeinschaftssinn, verwandtschaftliche Verpflichtungen, gegenseitige Hilfeleistungen zählen nicht mehr. Was zählt ist Reichtum, und damit einhergehend Macht, sowie der Einsatz von größtmöglicher List und Tücke, um sich selbst zu bereichern.
In der Saga wird dem Publikum vor Augen geführt, dass Menschen, die sich an die althergebrachten Konventionen halten, berechenbar sind und leicht ausgetrickst werden können. Somit haben diese, im Grunde ehrenwerten Leute, das Nachsehen vor hergelaufenen Herumtreibern, wie dem Hühnerthorir, der sie wie Marionetten nach seiner Pfeife tanzen lässt.

Allerdings ist das Problem nicht dieser einzelne Hühnerthorir, sondern die Tatsache, dass sein ausschließlich auf den eigenen Profit bezogenes Denken auch bei den Alteingesessenen Schule macht und um sich greift. So wird die gesamt isländische Gesellschaftsordnung unterhöhlt und ad absurdum geführt.
Es liegt nahe, dass hier eine christliche Alternative intendiert ist, auch wenn diese nirgendwo in der Saga explizit aufscheint. Wenn das alte Verhalten, die alten Traditionen vor den neuen, rein wirtschaftlich orientierten „Werten“ und Handlungsweisen kapitulieren müssen, gibt es nur die Möglichkeit, nach einem neuen Wertekanon Ausschau zu halten, um diesem, sicherlich auch vom damaligen Publikum, als „schlecht“ empfundenen neuen Weg, entgegen zu wirken. Es ist vorstellbar, dass das christliche Publikum des 13. Jahrhunderts genau diesen Schluss für sich gezogen hatte und auch ziehen sollte. Christliche Werte konnten als Mittel gesehen werden, um diesem unehrenhaften Lebenswandel entgegenzuwirken. Wer auf Reichtum und Besitztümer in der diesseitigen Welt keinerlei Wert legt, ist auch vor einem Hühnerthorir gefeit.
Gleichzeitig spielen verwandtschaftliche Bindungen, die einen teilweise zu grausamen Mordtaten treiben können, nur eine untergeordnete Rolle: da jede Person „mein Nächster“ ist, sind Blutfehden für Christen selbstverständlich abzulehnen. Damit entfallen auch verpflichtende Bindungen untereinander, die den altisländischen Menschen und seine Handlungsweisen durchschaubar und berechenbar machten – somit war er anfällig für die neuen Methoden von ausbeuterischen Personen, wie dem Hühnerthorir.
Damit konnte dem christlichen Publikum deutlich gemacht werden, dass sich die alten, heidnischen Werte und Ehrvorstellungen überholt hatten. Gleichzeitig hatte man eine Waffe für den neuen „Feind“, den Eigennutz und die materielle Bereicherung, mit der christlichen Lehre an der Hand.
Das diese Rechnung, christlicher Glaube und Lebensweise ersetzt alte Traditionen und Bindungen und bildet gleichzeitig ein stabiles Bollwerk gegen kapitalistische Interessen, nicht aufgegangen ist, hat der Verlauf der Geschichte gezeigt.

Interessant zum Thema ist auch die im Internet verfügbare umfangreiche Analyse der Hoensa - Thóris Saga von Stefanie Würth.

Dienstag, 20. Dezember 2005

Eigentum im antiken Griechenland

"Obwohl die griechische Welt eine Welt der Städte war und das städtische Leben einen wesentlichen Platz einnahm, bildete die Landwirtschaft die Haupttätigkeit der meisten Mitglieder der Bürgerschaft. [...] Das Ideal der Autarkie, das die Philosophen des 4. Jahrhunderts in ihren utopischen Entwürfen verfochten, ist Ausdruck dieser Realität: Der griechische Mensch lebte vor allem vom Ertrag seines Grundbesitzes, und um die Funktionsfähigkeit der Polis zu gewährleisten, mussten alle Mitglieder der Bürgerschaft über solchen verfügen. Die Verbindung zwischen Boden und Bürger war dergestalt, dass nicht nur in vielen Städten allein Grundbesitzer Bürger sein konnten, sondern dass auch überall nur Bürger Grund und Boden besitzen konnten.“
(aus: Homo oeconomicus, Claude Mossé, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 32)

Selbstverständlich standen den damaligen, bürgerlichen Landwirten Sklaven in unterschiedlicher Zahl zur Verfügung, die in der Regel die real anfallende Arbeit ausführten. Unter „oiconomia“ wurde die Wissenschaft, sein Haus gut zu verwalten, verstanden. Für eine „Ökonomie“, die Produktion und Handel mit einschloss, wie wir sie heute kennen, hatten die antiken Griechen keinen eigenen Begriff. (a.a.O. S.31)
In den “Memorabilia” des Xenophon finden wir den Idealtyp des Grundbesitzers geschildert: er selbst verfügt über genügend eigene Mittel, um nicht arbeiten zu müssen, eine Vielzahl von Sklaven steht ihm zur Verfügung. Nirgendwo ist davon die Rede, dass mit dem Grundbesitz auch eine Profitquelle zur Verfügung steht, die über den eigenen Bedarf des Haushaltes hinausgeht. Der Erwerb von Reichtum besass, zumindest theoretisch und in den Utopien der Philosophen, keinen Wert an sich. (a.a.O. S.36f)

Auch Hannah Arendt greift in “Vita activa” auf die griechische Antike zurück. Sie trifft eine interessante Unterscheidung zwischen „Eigentum“ und „Besitz“. „Eigentum“ ist nach dieser Definition ein realer Ort in der Welt und somit unbeweglich. Gleichzeitig war dieser Ort „identisch mit der Familie, die diesen Ort einnahm“ (Vita activa – Vom tätigen Leben, Piper, 3.Auflage 2005, S.77). „Besitz“ wären in diesem Sinne alle „beweglichen Güter“, in unserer modernen Welt auch das Kapital.
Nach Arendts Meinung schafft Eigentum dem Menschen einen Ort in der Welt, der ihm privat zu eigen ist und an dem er schalten und walten kann, wie es ihm beliebt. Mit der Sicherheit dieses Ortes, der ihm gleichzeitig als Nahrungsquelle dient und die Grundversorgung des gesamten Haushaltes sicherstellt, kann der Mensch sich in den öffentlichen Raum der Polis begeben und dort für das Gemeinwohl tätig werden.
Besitz und Reichtum dagegen konnten auch Sklaven und beispielsweise Handwerker erwerben. Unter Umständen konnte so ein Sklave „reicher“ als ein griechischer Bürger werden – da ihm jedoch das „Eigentum“, der Ort in der Welt fehlte (und somit die Bürgerrechte) blieb ihm die Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten des Stadtstaates verwehrt.

„Das Band zwischen Land und Stadt war aber nicht nur „ökonomischer“ sondern auch religiöser und in den meisten griechischen Poleis politischer Natur, da nicht nur ausschließlich Bürger Grundeigentümer sein konnten, sondern weil man häufig auch Grundeigentümer sein musste, um Bürger werden zu können. Unter diesen Voraussetzungen wird verständlich, warum die Handwerksberufe nur geringgeschätzt wurden.“ (Homo oeconomicus, a.a.O. S. 39)

Diese Verbindung zwischen Landeigentum und politischer Betätigung wird von Hannah Arendt in „Vita activa“ immer wieder betont: „Das Eigentum selbst wiederum war mehr als nur eine Wohnstätte, es bot als Privates den Ort, an dem sich vollziehen konnte, was seinem Wesen nach verborgen war, und seine Unantastbarkeit stand daher in engster Verbindung mit der Heiligkeit von Geburt und Tod, mit dem verborgenen Anfang und dem verborgenen Ende der Sterblichen, die wie alles Leben aus dem Dunkel kommen und in das Dunkel eines unterirdischen Reiches zurückkehren.“ (Vita activa, a.a.O. S. 77)
Dieser Ort verschafft eine Rückverbindung zu den notwendigen Lebensprozessen, denen jeder Mensch unterworfen ist. Ohne diese Anbindung an ein natürliches Werden und Vergehen, dem Naturkreislauf, wird der Mensch zum Konsumenten der Natur. Stehen materieller Reichtum, Konsum – und Gebrauchsgüter an erster Stelle der Werteskala und nicht mehr das Land als Ernährer des Menschen, so kann dieses Land ausgebeutet werden. Sind die Ressourcen aufgebraucht, sieht man sich nach neuen Möglichkeiten dieser Plünderung um – eine Bindung, die auch über mehrere Generationen zu dem Land besteht, existiert in den seltensten Fällen.

Das System und Denken griechischen „Polis“, dem öffentlichen Raum, ist heutzutage der Vorstellung eines überdimensionierten „Staatshaushaltes“ gewichen. Dieser ist zwar um ein zigfaches größer als der Privathaushalt unterscheidet sich aber kaum von diesem: auch in den modernen Nationalstaaten geht es hauptsächlich um die grundsätzliche Bedürfnissbefriedigung der Lebensnotwendigkeiten. Diese „Lebensnotwendigkeiten“ die im antiken Griechenland auf Nahrung, Kleidung, Wohnen beschränkt blieben, sind heutzutage um eine Vielzahl an Konsum – und Gebrauchsgütern erweitert worden. Um diese Güter erwerben zu können, muss Geld erwirtschaftet werden, das in ebendiese Güter investiert wird. Um die Güter zu produzieren, müssen die Ressourcen des Landes ausgebeutet werden - in unseren modernen Industriestaaten zu einem Großteil die Ressourcen von ärmeren Drittländern, die somit ebenfalls ihres Eigentums und ihres realen Ortes in der Welt beraubt werden.
Platz für die Sorge um ein „Gemeinwohl“ sowie die Fürsorge für den eigenen Grund- und Boden geht verloren.
Der Mensch wird zum „animal laborans“ der seine Lebenszeit und die Güter um ihn herum in immer schnelleren Zeitperioden aufzehrt. Die durch bessere Produktionsmöglichkeiten gewonnene Zeit wird dabei nicht in die Pflege des gemeinsamen Lebensraumes investiert, sondern zum größten Teil in „Hobbies“, die teilweise ebenfalls auf Konsum – und Verzehr ausgerichtet sind.
Dieser gemeinsame, öffentliche Lebensraum wird nicht mehr als zu schützender und entwickelnder Wert verstanden, sondern als Möglichkeit gesehen, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern und den eigenen Reichtum zu vergrößern. Eine Erwartung, die im antiken Griechenland an den eigenen "Privathaushalt" gestellt wurde und nicht an den Staat. Das eigentlich "Private" ist somit zum Öffentlichen und Politischen geworden. Ein "öffentlicher Raum" wie die griechische Polis in darstellte, existiert allenfalls nur noch in Nischen.
Menschliche Wertvorstellungen haben sich, weg von der Sorge um die größere Gemeinschaft, zugunsten der Anhäufung privaten Reichtums und damit verbunden mit lukrativen Arbeitsplätzen, verschoben.
Praxis der Aphrodisia



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ein schneller Gedanke
Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine...
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36
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Ich glaube nicht, das die Griechen die Handlungen ihrer...
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