" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Alte Kulturen

Dienstag, 3. Januar 2006

Verhältnis zur Natur im antiken Griechenland

Jean – Pierre Vernant spannt in „Der Mensch der griechischen Antike“ einen Bogen von den Göttern hin zur als „göttlich“ betrachteten Natur im griechischen Weltbild. „Die physis ein Terminus, den wir mit dem Begriff „Natur“ übersetzen, wenn wir, Aristoteles folgend, davon sprechen, dass die Philosophen der Schule von Milet im 6. Jahrhundert v. Chr. die ersten waren, die eine historia peri physeos, eine Studie über die Natur, vornahmen – diese physis – Natur hat wenig mit dem gemein, was heute Gegenstand unserer Naturwissenschaften oder der Physik ist. Ob sie das Wachstum der Pflanzen bewirkt, die Fortbewegung der Lebewesen ermöglicht oder die Bahnen der Gestirne lenkt, die physis ist eine beseelte und lebendige Kraft. Für den „Physiker“ Thales haben sogar die unbelebten wie zum Beispiel Steine eine psyche, welche zugleich „Atem“ und „Seele“ ist, während für uns der erster dieser Begriffe eine materielle und der zweite eine geistige Konnotation hat. Beseelt, inspiriert, lebendig – die Natur steht durch ihre Dynamik dem Göttlichen und durch ihr Lebendigsein uns selbst, als Menschen, nahe.
(aus: Einführung - Der Mensch des Antiken Griechenland, Jean-Pierre Vernant, in: Der Mensch der griechischen Antike von Jean-Pierre Vernant (Hrsg.), Fischer Verlag, Frankfurt 1996, S. 11)

Im griechischen Verständnis ist die Natur an sich „daimonia“ also „dämonisch“, ebenso wie die Seele des Menschen ein „daimon“ ist. Somit besteht zwischen Natur und Mensch ein unmittelbarer Zusammenhang: stirbt der Mensch, verlässt ihn sein „daimon“ und kehrt als unpersönliche Wesenheit in die Natur zurück. Der Mensch ist in dieser Weltsicht nicht ein unabhängiger Betrachter der Welt, sondern mit seinem gesamten Denken, Fühlen, wahrnehmen ein Teil von ihr:

„Der Mensch gehört zur Welt, der er verwandt ist und die er durch Widerhall oder heimliches Einverständnis kennt. Das Wesen des Menschen ist ursprünglich ein Auf-der-Welt-Sein. Wenn diese Welt ihm fremd wäre, wie wir heute annehmen, wenn sie ein reines Objekt aus Raum und Bewegung wäre, das einem denkenden und urteilsfähigen Subjekt gegenüberstünde, dann könnte der Mensch tatsächlich nur mit ihr kommunizieren, wenn er sie mit seinem eigenen Bewusstsein gleichsetzte. Für den Griechen ist jedoch ist die Welt nicht jenes verdinglichte äußere Universum, welches vom Menschen durch die unüberwindliche Barriere zwischen Materie und Geist, zwischen dem Physischen und dem Psychischen getrennt ist. Der Mensch lebt mit dem beseelten Universum, mit dem er in jeder Hinsicht verbunden ist, in enger Gemeinschaft.“ (a.a.O.; S. 19f.)

Mittwoch, 9. November 2005

Laxdoela Saga

"Ketil Flachnase hieß ein Mann, der Sohn des Björn Buna; er war ein mächtiger Herse in Norwegen und aus einer angesehenen Familie. [...]
In den späten Lebenstagen Ketils hob König Harald Schönhaar sich zu solcher Macht, das kein Gaukönig im Lande mehr etwas galt oder sonst ein Häuptling, vielmehr er allein über ihre Befugnisse bestimmen wollte. Als nun Ketil erfuhr, dass von König Harald ihm das gleiche zugedacht sei wie den anderen Großen: keine Buße zu bekommen für Verwandte und sich selbst in einen Pächter umgewandelt zu sehen, da berief er seine Verwandten zu einem Thing [...]"

(Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal, in: Island Sagas – Erzählkunst, Eugen Diederichs Verlag, 2.Auflage, München, 1995, S. 75)

In der nachfolgenden Rede stellt Ketil seinen Leuten mögliche Auswege vor der Bedrohung durch König Schönhaar vor: sie können tapfer kämpfen und dabei der Übermacht Schönhaars unterliegen, jedoch ihre Ehre behalten oder alternativ Norwegen verlassen. Ketils Sohn Björn ergreift das Wort und spricht sich für eine Auswanderung aus:
„[..] ich will den Beispielen angesehener Männer folgen und aus diesem Lande fliehen. Ich verspreche mir keine Frucht davon, daheim auf die Knechte König Haralds zu warten und dass sie uns von unserem Eigentum vertreiben oder auch ein für alle mal ein Ende mit uns machen.“
Für diese Rede erhält Björn großen Beifall und die Auswanderung ist beschlossene Sache: Ketil entscheidet, nach Schottland zu gehen und Björn und dessen Bruder machen sich nach Island auf den Weg, um dort zu siedeln. Beiden Parteien schließen sich jeweils verschiedene Verwandte an, die dabei ihrem eigenen freien Willen folgen.

Der Zeitpunkt dieser Saga markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der skandinavischen Länder: genossen vorher einzelne Jarle, Hersen und Könige großes Ansehen, die jedoch darauf bedacht sein mussten, ihre Gefolgsleute bei Laune zu halten und für ihre Ideen zu begeistern, so tauchte mit König Harald Schönhaar Ende des 9. Jahrhunderts der erste norwegische König nach kontinentalem Vorbild auf: Schönhaar besiegte schließlich seine eigenen Landsleute, schwang sich zum alleinigen Herrscher (im heutigen Sinne des Wortes) über Norwegen auf und paktierte mit kontinentalen Herrscherfamilien.

Hier ergibt sich eine interessante Parallele zu Hannah Arendts Begriff des „Handelns“ wie er in der griechischen Polis verstanden wurde. Arendt definiert „Handeln“ immer als einen Neuanfang, eine Geschichte beginnt, deren Ende ungewiss ist. Die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit setzen mit ihrem Dasein und Handeln jeweils vollkommen neue Impulse in die Welt, die häufig auch Umbrüche markieren. Handeln erfordert nach Arendt immer ein „Miteinander“ – im Gegensatz zum „Herstellen“ und „Arbeiten“ ist es nicht als einsame Tätigkeit einer Einzelperson vorstellbar. Im „Handeln“ zeigt sich die Person durch ihre Taten, durch ihr „Sprechen“ wird sie für die anderen begreifbar und ihr Tun kann in einen Kontext eingeordnet werden. Jeder, der in diesem Sinne „handelt“ ist auf die Unterstützung seiner Mitmenschen angewiesen:

„Die Vorstellung, dass der Starke am Mächtigsten allein ist, beruht entweder auf dem Irrglauben, dass wir im Bereich der menschlichen Angelegenheiten etwas „machen“ können – z.B. Einrichtungen und Gesetze „schaffen“, wie wir Tische und Stühle fabrizieren, oder den Menschen „besser“ oder „schlechter“ machen – oder aber sie entspringt der bewussten Verzweiflung an dem Sinn von Handeln überhaupt, des politischen wie des unpolitischen, die sich dann leicht mit der utopischen Hoffnung tröstet, man könne vielleicht die Menschen behandeln, wie man alles andere Material behandelt.“ (Hannah Arendt, Vita aktiva, S. 234)

Die Laxdoela Saga beschreibt dieses von Arendt gemeinte Handeln sehr genau: sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen wurde "Handeln" durch zwei unterschiedliche Worte beschrieben: eines bezeichnete in etwa "anfangen, anführen, in Bewegung setzen", der zweite Begriff bedeutete "ausführen, vollenden".
Somit setzte sich „Handeln“ bei den Griechen und Römern aus diesen beiden Bedeutungen zusammen, die sich gegenseitig bedingten: „Etwas wird begonnen oder in Bewegung gesetzt von einem einzelnen, der anführt, woraufhin ihm viele gleichsam zur Hilfe eilen, um das Begonnene weiter zu betreiben und zu vollenden.“ (HA, S.235).

Der „Beginner“ war, wie auch in der vorliegenden Saga, auf die Mithilfe der „Vollender“ angewiesen. Gerade die Geschichte der Leute vom Lachswassertal markiert einen entscheidenden Wendepunkt: Ketil und seine Leute handeln noch im völligen Einklang mit dieser Vorstellung von gemeinsamen „Tun“. Ketil weiß, dass er nicht alleine entscheiden kann, was zu passieren hat, bzw. kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu befehlen. Sein Sohn Björn schließlich gibt den ausschlaggebenden Impuls: man beschließt, dass Land zu verlassen. Björn könnte dieses Unterfangen niemals auf sich alleine gestellt durchführen, zumal es im Falle Islands nahezu um eine Neubesiedlung des Landes geht, die alleine unmöglich durchzuführen wäre. Er ist auf die Unterstützung seiner Leute angewiesen, die später auch die Geschichte fortführen (vollenden) werden, indem sie sich dauerhaft in Island niederlassen.

Harald Schönhaar steht dagegen für das neue Zeitalter, welches in Kontinental - Europa schon längst begonnen hat: Diejenigen, die „handeln“ sind nunmehr die Untertanen und Befehlsempfänger, sie vollenden, was ihnen vom „Herrscher“ aufgetragen wird.
Die Positionen können nicht mehr gewechselt werden, wie es zu früheren Zeiten und in der Laxdoela Saga durchaus vorgesehen war: der Herrscher bleibt in seiner Stellung, er ist der Befehlshaber. Die Befehlsempfänger werden zu einer undefinierbaren und austauschbaren Masse, die keine Chance haben, auf die Entscheidungen des "Herrschers" Einfluss zu nehmen.

Der Entschluss Ketils und Björns ist in seiner Planung und Durchführung gleichzeitig ein Votum für das alte System, das allen Beteiligten die Achtung und das Mitspracherecht zukommen lässt, das ihnen gebührt: Björn stellt seine Idee des Auswanderns vor und erhält dafür Beifall. Seine Verwandten haben jedoch die freie Wahl, was sie tun wollen: ob sie bleiben, ihm folgen oder mit seinem Vater gehen. So wird das Projekt ein gemeinsames und freiwilliges, in dem sich jeder bewusst ist, dass die Unternehmung ohne die Mitwirkung der anderen nicht funktionieren kann. Diese Auswanderung ist die Sache aller.

Dienstag, 1. November 2005

Der Verlust des Handelns

„Wir müssen uns in diesem Zusammenhang erst einmal darüber klar werden, welche außerordentlichen Schwierigkeiten wir infolge der neuzeitlichen Entwicklung haben, diese entscheidenden Trennungen und Unterschiede zwischen öffentlich und privat, zwischen dem Raum der Polis und dem Bereich des Haushalts und der Familie, schließlich zwischen den Tätigkeiten, die der Erhaltung des Lebens dienen, und denjenigen, die sich auf eine allen gemeinsame Welt richten, überhaupt zu verstehen, wobei wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, dass diese Trennungen und Unterscheidungen die selbstverständliche und axiomatische Grundlage des gesamten politischen Denkens der Antike bildeten.“ (Hannah Arendt, Vita activa – oder Vom tätigen Leben, Piper, 2005, Erstauflage 1967, S.39)

Hannah Arendt verwendet den Begriff „privat“ in seiner ursprünglichen Bedeutung von „Raub, Beraubung“ im Gegensatz zum „Öffentlichen/Politischen Raum“ der mit der „Freiheit des Handelns und Sprechens“ in der griechischen Polis gleichgesetzt wurde.
Am politischen Leben der Polis konnten nur solche Bürger teilnehmen, die von den alltäglichen Sorgen des Privatlebens und Haushaltes befreit waren: sie konnten frei über ihre Zeit und ihren Aufenthaltsort verfügen, mussten nicht durch Arbeit die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalt herbeischaffen und waren gleichzeitig die Hausvorstände eines Familienverbandes, der ihnen diese unliebsamen Tätigkeiten abnahm.

Arendt nimmt eine Unterscheidung zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln vor, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet: "Arbeiten" dient dem einzigen Zweck, die biologischen Grundlagen für das Überleben des Menschen bereitzustellen, "Herstellen" ist der Vorgang, unsere natürliche Umgebung durch Gegenstände zu erweitern: dem Bau von Häusern ebenso wie der Herstellung von Töpfen, Tellern, Computern, Autos etc. (womit der Mensch sich der Natur entfremdet hat und in einer von ihm selbst geschaffenen Umwelt lebt). „Handeln“ bezeichnet alle Taten und auch das Sprechen im öffentlichen Raum, wie er in der griechischen Polis verstanden wurde. „Sprechen“ stellt eine ausschließlich dem Menschen zuzurechnende Fertigkeit dar, die gleichzeitig aber auch Pluralität und viele beteiligte Personen voraussetzt, in diesem Sinne also als „öffentliche Handlung“ verstanden wurde.

Von den Bürgern der Polis wurde mutiges und vortreffliches Handeln für die Gemeinschaft erwartet, herausragende Leistungen mussten durch Sprache und Tat erbracht werden, die nicht durch alltägliche Sorgen behindert werden durften:

„Den schützenden Bereich von Hof und Haus zu verlassen, ursprünglich wohl, um sich in irgendein Abenteuer oder ein ruhmversprechendes, großes Unternehmen einzulassen, später, um sein Leben innerhalb der öffentlichen Angelegenheiten zuzubringen, erforderte Mut, weil man nur innerhalb des Privaten der Sorge um das Leben und das Überleben obliegen konnte. Wer immer sich in den politischen Raum wagte, musste auch bereit sein, sein eigenes Leben zu wagen [...]“ (HA, S.46)

Im Gegensatz dazu ist dieses politische Verständnis in unserer modernen Massengesellschaft verlorengegangen: das „Private“ hat Einzug in das politische Leben gehalten. Wir denken uns „Gesellschaft“ als eine Art überdimensionierten „Familienkörper“, der wie ein gigantischer Haushalt verwaltet werden muss. Somit bestimmen praktische, lebenserhaltende Notwendigkeiten politisches Denken. Es hat sich eine Über – Familie gebildet, deren politische Organisationsform die Nation bildet (HA, S. 39).

Um dieses riesigen Familiengebilde verwalten und organisieren zu können, sind Gesetze und Regelungen notwendig, die den Einzelnen normieren und ihn in das größere Ganze einpassen - somit seine Freiheit beschränken. Individualität, vortreffliche und außergewöhnliche Taten im Sinne von Abweichung von der Norm, Gedankengänge, Philosophien und Lebensentwürfe, die der Gesellschaft entgegengesetzt oder nicht kompatibel sind, werden in der Regel von ihr aufgesogen und integriert oder gehen in der Masse „als Spinnereien und Subkulturen“ unter. Gehör in einer breiteren Öffentlichkeit finden sie in der Regel nicht.

Wesentliche Gemeinsamkeit dieses Familienkollektivs ist es, dass jeder in die Arbeitsprozesse eingebunden ist: wer nicht arbeitet, steht außerhalb der Gesellschaft (darunter ein geringer Prozentsatz außergewöhnlich reicher Personen, die durch Besitz bestimmte Freiheiten und Unabhängigkeit geniessen, in der Mehrzahl aber Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Rentner). „Arbeit“ wird als das wesentliche Gut des Menschen betrachtet, ohne das er nichts wert ist und in einem gewissen Sinne auch wenig am politischen Leben partizipiert, bzw. Einfluss nehmen kann, außer, im Falle der Rentner, als wirtschaftliche Kaufkraft.
Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose kämen wohl weniger auf die Idee, sich als von der täglichen Sorge ums biologisch Notwendige befreite Menschen zu sehen, die somit ihre Zeit für das öffentliche Wohl einsetzen könnten, wie es in der griechischen Polis verstanden wurde.

Die Fähigkeiten des Menschen, wie sie von Hannah Arendt beschrieben wurden, sind nun auf zwei Merkmale reduziert: Arbeiten und Herstellen. Handeln wurde in der heutigen Gesellschaft mangels eines „öffentlichen (Frei)raumes“ zugunsten des „sich Verhaltens“ (vorzugsweise nach der allgemein herrschenden Norm) weitgehend aufgeben, bzw. existiert „Handeln“ im Denken heutiger Menschen nicht mehr in der oben beschriebenen Form.
Praxis der Aphrodisia



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Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine...
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36
Ich glaube nicht, das...
Ich glaube nicht, das die Griechen die Handlungen ihrer...
babu (anonym) - 31. Mrz, 21:36
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Klingt alles sehr gut! Ich freu mich schon auf das...
larissa-laura - 27. Mrz, 18:37
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kann ich mich sehr gut daran erinnern. es war auf der...
lemeuf (anonym) - 29. Jan, 18:00
Soviel Grass kann ich...
Das ich mich mit diesem Saft über mehr als die...
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Architeuthis - 22. Mrz, 16:26
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