" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Verzeihen

"Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit - dagegen, dass man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte und nicht wissen konnte, was man tat - liegt in der menschlichen Fähigkeit, zu verzeihen. [...] Verfehlungen sind alltägliche Vorkommnisse, die sich aus der Natur des Handelns selbst ergeben, das ständig neue Bezüge in ein schon bestehendes Bezugsgewebe schlägt; sie bedürfen der Verzeihung, des Vergebens und Vergessens, denn das menschliche Leben könnte gar nicht weitergehen, wenn die Menschen sich nicht ständig gegenseitig von den Folgen dessen befreien würden, was sie getan haben, ohne zu wissen was sie tun. Nur durch dieses dauernde gegenseitige Sich - Entlasten und Entbinden können Menschen, die mit der Mitgift der Freiheit auf die Welt kommen, auch in der Welt frei bleiben, und nur in dem Maße, in dem sie gewillt sind, ihren Sinn zu ändern und neu anzufangen, werden sie instand gesetzt, ein so ungeheueres und ungeheuer gefährliches Vermögen wie das der Freiheit und des Beginnens einigermaßen zu handhaben." (Hannah Arendt, Vita Aktiva oder vom tätigen Leben, Piper, 3. Auflage 2005, S.303ff)

Hannah Arendt bezieht sich in dieser Textstelle auf ihren Begriff des "Handelns" - also Taten, die einen Anfang haben, sowie jemanden der sie beginnt und "Mittäter", die die Tat unterstützen und voranbringen. Ein Beispiel wäre der Bau eines Wikingerschiffes und die darauf folgende, gemeinsame Raubfahrt an fremde Gestade. NIemand kann vorher absehen, ob die Schiffsbesatzung überleben wird, im Sturm umkommt, reiche Beute mit nachhause bringt oder arm und verwahrlost an den heimatlichen Herd zurückkehrt. Es steht jedermann frei, an der Fahrt teilzunehmen, Fehler in der Planung oder Unwissenheit über ferne Länder sind mögliche Gefahrenquellen, auf die die Mannschaft sich einläßt.

Allerdings läßt sich Arendts Zitat ebenso auf beinahe alle Situationen des menschlichen Miteinanders anwenden: Menschen treffen täglich mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Unzulänglichkeiten aufeinander: sei es beim gemeinsamen Abendessen, bei der Planung einer Veranstaltung, in Gemeinschaftsprojekten oder ganz profan wenn sie irgendeine Form von Arbeit zusammen unternehmen und sei es nur die Zubereitung einer Mahlzeit. Verschiedene Meinungen und Herangehensweisen prallen dann oft aufeinander.
In der Regel sucht man sich mit zunehmendem Alter und Erfahrung die Menschen recht genau aus, mit denen man häufiger am gleichen Tisch sitzen möchte. Ebenfalls wird einem zunehmend bewußt, dass es den "perfekten" und immer richtig handelnden und sprechenden Menschen nicht gibt. Und man selbst diese Perfektion aller Wahrscheinlichkeit nach genauso wenig erreichen wird. Dort setzt schon der erste "Verzeihensmechanismus" mir selbst gegenüber ein: immer wieder Fehler zu machen und gerade im zwischenmenschlichen Bereich niemals allen gegenüber wirklich fair und gerecht handeln zu können. Im Laufe der Jahre findet sich, wenn alles gut läuft, aus diesem Gesamtpool der "Unperfekten" ein wohlwollender Freundeskreis zusammen, der in etwa dem eigenen Lebensstil mit all seinen Bedürfnissen, Werten und alltäglichen Umgangsformen am Meisten entspricht. Dieser Kreis an Menschen kann in Kontinuität allerdings nur dann Bestand haben oder sogar produktiv tätig werden, wenn sich alle Beteiligten der Notwendigkeit des ständigen Verzeihens bewußt sind - normalerweise eine soziale Fertigkeit, die wir schon als Kinder in der Familie erlernen. Bei dem täglichen "Verzeihen" scheint es sich um eine Art "sozialen Vertrag" zu handeln, der stillschweigend zum größten Teil von allen eingehalten wird. Personen, die diesen Vertrag nicht einhalten und unnachsichtig jeden Verfehlung und jede vermeintliche Charakterschwäche der anderen deutlich und öffentlich aussprechen (ohne sich selbst über die eigenen Unzulänglichkeiten bewußt zu sein oder diese gleichwertig und im Sinne gegenseitigen Verständnisses zur Diskussion zu stellen) fallen normalerweise früher oder später aus dem Kreis der Freunde heraus. Ein soziales Miteinander, dass durchaus auch Kritik und Diskussion zuläßt, ist ohne die grundsätzliche Bereitschaft des Verzeihens und wirklichen Vergebens und Vergessens nicht möglich.
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36

ein schneller Gedanke

Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine grundsätzliche Bereitschaft des Verzeihens bedeutet konkret was? Vielleicht philosophisch, dass ich mir meiner eigenen Unfehlbarkeit bewusst bin. Doch muss der einzelne nicht heilig sein (also unfehlbar sein) um die Fehlbarkeit eines anderen wahrzunehmen und wenn es für ihn notwendig erscheint anzusprechen. Schließlich kann ich mir auch selbst nur so viel Fehlbarkeit zugestehen, wie es meiner Selbstwahrnehmung entspricht - ansonsten verschwinde ich selbst in dem Sumpf der Fehler und Schuldzugeständisse, seien es die eigenen oder die des anderen, wie eine überlagernde Masse, die Wahrnehmung einschränkend. Denn die Konsequenz und deren Verantwortung bleibt auch dann bestehen, wenn ich verzeihe... vielleicht ist dieses Zugestehen die Stärke von Liebe und Freundschaft - die eine bewusste Entscheidung ist.

Praxis der Aphrodisia



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Anmerkungen

ein schneller Gedanke
Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine...
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36
Ich glaube nicht, das...
Ich glaube nicht, das die Griechen die Handlungen ihrer...
babu (anonym) - 31. Mrz, 21:36
Klingt alles sehr gut! Ich...
Klingt alles sehr gut! Ich freu mich schon auf das...
larissa-laura - 27. Mrz, 18:37
remembering
kann ich mich sehr gut daran erinnern. es war auf der...
lemeuf (anonym) - 29. Jan, 18:00
Soviel Grass kann ich...
Das ich mich mit diesem Saft über mehr als die...
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