Tierverwandlungen
"Dass es im Mittelalter in dieser Gegend Drachen gegeben hat [...] ist nicht verwunderlich, und es wäre auch nicht erstaunlich, wenn sie heute wieder vor den entsetzten Augen der Bauern erschienen. Alles ist hier tatsächlich möglich, wo die antiken Heidengötter, der Bock und das rituelle Lamm täglich über die bekannten Straßen laufen und das es keine sichere Grenze zwischen dem Bereich des Menschlichen und der Welt der Tiere und Ungeheuer gibt."
(Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli, München 1982, S.100)
Levi führt weiter aus, dass es in dem kleinen Dorf Gagliano viele Wesen mit sogenannten Doppelnaturen gibt. Dies bedeutet, dass heidnische denkende und fühlende Menschen keinen Widerspruch darin sehen, gleichzeitig von einem menschlichen Wesen, einer mythologischen Gestalt oder einem Tier abzustammen: "Eine Frau, eine Bäuerin mittleren Alters, mit Mann und Kindern, die, wenn man sie so sah, gar nichts besonderes an sich hatte, war die Tochter einer Kuh. So behauptete der ganze Ort, und sie selbst bestätigte es. Alle alten Leute erinnern sich an die , ihre Mutter, die ihr, als sie ein Kind war, überall hin folgte, sie brüllend rief und sie mit ihrer rauhen Zunge beleckte. Das schloß die Tatsache nicht aus, dass es auch eine menschliche Mutter gegeben hatte, die jetzt, ebenso wie die Kuhmutter, lange tot war. (a.a.O., S.100)
Daneben scheint es noch sporadische Verwandlungen zu geben: die meiste Zeit ihres Alltags verbringen diese Wesen in ihrem menschlichen Zustand nur zu besonderen Gelegenheiten. Unter Umständen kann dies auch für deren Familie gewisse Gefahren in sich bergen: Es gab auch in Gagliano einige, die in Winternächten sich wegschlichen, um mit ihren Brüdern, den wahren Wölfen zusammenzutreffen. " Sie gehen nachts aus", erzählte mir Julia, " und sind noch Menschen, aber dann werden sie zu Wölfen und versammeln sich alle zusammen mit den richtigen Wölfen am Brunnen. Man muss aber aufpassen, wenn sie nach Hause kommen. Wenn sie das erste Mal ankklopfen, darf die Frau nicht aufmachen. Wenn sie öffnete, würde sie den Mannnoch ganz als Wolf erblicken, er würde sie verschlingen und für immer in den Wald flüchten. Wenn sie zum zweiten Mal klopfen, darf die Frau noch immer nicht aufmachen: sie würde ihren Mann bereits mit seinem menschlichen Körper, aber noch mit einem Wolfskopf sehen. Erst beim dritten Klopfen kann man öffnen: dann sind sie schon ganz verwandelt, der Wolf ist verschwunden, und der Mensch ist wieder zum Vorschein gekommen.
(a.a.O., S.100f.)
(Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli, München 1982, S.100)
Levi führt weiter aus, dass es in dem kleinen Dorf Gagliano viele Wesen mit sogenannten Doppelnaturen gibt. Dies bedeutet, dass heidnische denkende und fühlende Menschen keinen Widerspruch darin sehen, gleichzeitig von einem menschlichen Wesen, einer mythologischen Gestalt oder einem Tier abzustammen: "Eine Frau, eine Bäuerin mittleren Alters, mit Mann und Kindern, die, wenn man sie so sah, gar nichts besonderes an sich hatte, war die Tochter einer Kuh. So behauptete der ganze Ort, und sie selbst bestätigte es. Alle alten Leute erinnern sich an die , ihre Mutter, die ihr, als sie ein Kind war, überall hin folgte, sie brüllend rief und sie mit ihrer rauhen Zunge beleckte. Das schloß die Tatsache nicht aus, dass es auch eine menschliche Mutter gegeben hatte, die jetzt, ebenso wie die Kuhmutter, lange tot war. (a.a.O., S.100)
Daneben scheint es noch sporadische Verwandlungen zu geben: die meiste Zeit ihres Alltags verbringen diese Wesen in ihrem menschlichen Zustand nur zu besonderen Gelegenheiten. Unter Umständen kann dies auch für deren Familie gewisse Gefahren in sich bergen: Es gab auch in Gagliano einige, die in Winternächten sich wegschlichen, um mit ihren Brüdern, den wahren Wölfen zusammenzutreffen. " Sie gehen nachts aus", erzählte mir Julia, " und sind noch Menschen, aber dann werden sie zu Wölfen und versammeln sich alle zusammen mit den richtigen Wölfen am Brunnen. Man muss aber aufpassen, wenn sie nach Hause kommen. Wenn sie das erste Mal ankklopfen, darf die Frau nicht aufmachen. Wenn sie öffnete, würde sie den Mannnoch ganz als Wolf erblicken, er würde sie verschlingen und für immer in den Wald flüchten. Wenn sie zum zweiten Mal klopfen, darf die Frau noch immer nicht aufmachen: sie würde ihren Mann bereits mit seinem menschlichen Körper, aber noch mit einem Wolfskopf sehen. Erst beim dritten Klopfen kann man öffnen: dann sind sie schon ganz verwandelt, der Wolf ist verschwunden, und der Mensch ist wieder zum Vorschein gekommen.
(a.a.O., S.100f.)
Thaleia - 27. Mai, 16:44






