Karneval in Gagliano
Carlo Levi, Anfang der dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts in ein verlassenes Städtchen im Süden Italiens verbannt, beschreibt in seinem Buch "Christus kam nur bis Eboli" (München, 1982) unter anderem heidnische Einstellungen und Sichtweisen der Bewohner des Ortes.
Levi wird in Gagliano vom dortigen Karneval Treiben überrascht: "Unerwartet und anachronistisch kam der Karneval heran. In Gagliano gibt es weder Feste noch Spiele, so dass ich seine Existenz vollständig vergessen hatte. Aber eines Tages wurde ich daran erinnert, als ich, während ich durch die Hauptstraße über den Platz hinauswanderte, drei weißgekleidete Gespenster auftauchen und blitzschnell heranlaufen sah. Sie kamen in großen Sprüngen und heulten wie wütende Tiere [...] Sie waren ganz weiß [...] Sie wirkten wie losgelassene Dämonen, voll wilder Begeisterung für diesen einzigen Augenblickvon Narrheit und Straflosigkeit...
(a.a.O., S.190)
Interessant geht die Geschichte weiter, als der Autor den Kindern des Dorfes zu eigenen Masken verhilft: "Ich machte mich also ans Werk und fabrizierte aus weißen Papierzylindern mit Löchern für die Augen, jedem eine Maske, die viel größer als das Gesicht war und alles bedeckte. Warum weiß ich nicht, vielleicht in Erinnerung an die düsteren Baurenmasken, die ich gesehen hatte, vielleicht auch vom Ortsgeist, ohne es zu wollen, angesteckt, jedenfalls machte ich sie alle gleich, schwarz weiß bemalt, und alle waren sie Totenköpfe mit schwarzen Höhlungen für Augen und Nase und lippenlosen Zähnen. Die Kinder waren nicht erschreckt, sondern höchst vergnügt, und beeilten sich, sie überzustülpen, setzten auch Baron eine auf und rannten davon in alle Häuser des Ortes. Es war inzwischen Abend geworden, und die zwanzig Gespenster kamen schreiend in die von rotem Kaminfeuer und schwankenden Öllämpchen nur spärlich erleuchteten Zimmer. Die Frauen flohen entsetzt; denn hier ist jedes Symbol wirklich, und die zwanzig Kinder waren an diesem Abend in Wahrheit ein Triumph des Todes.
(a.a.O. S.191)
An dieser Stelle wird ein deutlich anderes Symbolverständnis erkennbar, als das, welches in modernen Traditionen gepflegt wird: im heidnischen Verständnis sind Symbole nicht Platzhalter für eine andere, "wirkliche" Sache, die in der Realität existiert und als eine Art Schauspiel vorgeführt wird. Die Kinder sind in diesem Falle der Tod selbst und genauso gefährlich wie er - deshalb flüchten die Frauen. Strenggenommen gibt es in diesem Sinne keine Symbole - was dargestellt wird, ist die Realität und kann direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben: im vorgestellten Beispiel könnten die Kinder also den Tod bringen.
Aus dieser Sichtweise könnten sich weiterführende Anregungen für neuheidnische "Rituale" ergeben: nicht mehr Dolche, Kelche oder Feuer "symbolisieren" mächtige Kräfte, wie Fruchtbarkeit, Sex, Freiheit und Veränderungen im eigenen Leben, sondern die Darstellung selbst, das Spiel oder Theater ist die Sache an sich, sie hat Macht und direkte Auswirkung auf das alltägliche Leben.
Levi wird in Gagliano vom dortigen Karneval Treiben überrascht: "Unerwartet und anachronistisch kam der Karneval heran. In Gagliano gibt es weder Feste noch Spiele, so dass ich seine Existenz vollständig vergessen hatte. Aber eines Tages wurde ich daran erinnert, als ich, während ich durch die Hauptstraße über den Platz hinauswanderte, drei weißgekleidete Gespenster auftauchen und blitzschnell heranlaufen sah. Sie kamen in großen Sprüngen und heulten wie wütende Tiere [...] Sie waren ganz weiß [...] Sie wirkten wie losgelassene Dämonen, voll wilder Begeisterung für diesen einzigen Augenblickvon Narrheit und Straflosigkeit...
(a.a.O., S.190)
Interessant geht die Geschichte weiter, als der Autor den Kindern des Dorfes zu eigenen Masken verhilft: "Ich machte mich also ans Werk und fabrizierte aus weißen Papierzylindern mit Löchern für die Augen, jedem eine Maske, die viel größer als das Gesicht war und alles bedeckte. Warum weiß ich nicht, vielleicht in Erinnerung an die düsteren Baurenmasken, die ich gesehen hatte, vielleicht auch vom Ortsgeist, ohne es zu wollen, angesteckt, jedenfalls machte ich sie alle gleich, schwarz weiß bemalt, und alle waren sie Totenköpfe mit schwarzen Höhlungen für Augen und Nase und lippenlosen Zähnen. Die Kinder waren nicht erschreckt, sondern höchst vergnügt, und beeilten sich, sie überzustülpen, setzten auch Baron eine auf und rannten davon in alle Häuser des Ortes. Es war inzwischen Abend geworden, und die zwanzig Gespenster kamen schreiend in die von rotem Kaminfeuer und schwankenden Öllämpchen nur spärlich erleuchteten Zimmer. Die Frauen flohen entsetzt; denn hier ist jedes Symbol wirklich, und die zwanzig Kinder waren an diesem Abend in Wahrheit ein Triumph des Todes.
(a.a.O. S.191)
An dieser Stelle wird ein deutlich anderes Symbolverständnis erkennbar, als das, welches in modernen Traditionen gepflegt wird: im heidnischen Verständnis sind Symbole nicht Platzhalter für eine andere, "wirkliche" Sache, die in der Realität existiert und als eine Art Schauspiel vorgeführt wird. Die Kinder sind in diesem Falle der Tod selbst und genauso gefährlich wie er - deshalb flüchten die Frauen. Strenggenommen gibt es in diesem Sinne keine Symbole - was dargestellt wird, ist die Realität und kann direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben: im vorgestellten Beispiel könnten die Kinder also den Tod bringen.
Aus dieser Sichtweise könnten sich weiterführende Anregungen für neuheidnische "Rituale" ergeben: nicht mehr Dolche, Kelche oder Feuer "symbolisieren" mächtige Kräfte, wie Fruchtbarkeit, Sex, Freiheit und Veränderungen im eigenen Leben, sondern die Darstellung selbst, das Spiel oder Theater ist die Sache an sich, sie hat Macht und direkte Auswirkung auf das alltägliche Leben.
Thaleia - 10. Mai, 14:49






