" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Hoensa - Thóris Saga - die Geschichte vom Huehnerthorir

„Es war ein Mann namens Thorir. Er war arm an Habe und nicht sehr beliebt bei den Leuten insgemein. Er warf sich darauf, dass er des Sommers mit seiner Ware von Landschaft zu Landschaft zog und in der einen verkaufte, was er in der anderen gekauft hatte, und bald wuchs ihm ein Vermögen an von diesem Handel. Einmal, als Thorir übers Hochland nach dem Norden zog, führte er Hühner mit sich fort ins Nordviertel und verkaufte sie mit anderer Handelsware: davon bekam er den Beinamen Hühnerthorir.
Mit der Zeit erwarb Thorir soviel, dass er sich Land kaufen konnte, dort, wo es Zum See heißt, oberhalb von Norderzunge. Wenige Jahre hatte er gewirtschaftet, da war er ein so vermögender Mann geworden, dass er so ziemlich bei jedermann großer Summen stehen hatte. Aber mochte er auch zu Reichtum kommen, er blieb doch unbeliebt; und es gab auch kaum einen unangenehmeren Menschen als den Hühnerthorir.“

(Hoensa – Thóris Saga, in: Island Sagas – Erzählkunst, Diederichs, 2.Auflage 1995, S. 274)

Im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, zählt die Hoensa – Thóris Saga zu den jüngeren Werken der Sagaliteratur. Im Gegensatz zum üblichen Erzählstil der Islandsagas weist sie verschiedene Abweichungen auf: So ist der Held der Saga, der Hühnerthorir, ein gesellschaftlicher Aussenseiter der keine der sonst üblichen „Ahnenaufzählungen“ vorzuweisen hat – als einzige Figur in dieser Saga ist nur sein Name bekannt und ein einziger Verwandter, der als „Rumtreiber“ charakterisiert wird. Falsche, topographische Angaben, verfälschte Verwandtschaftsverhältnisse, unwahrscheinliche Angaben zu gesellschaftlichen Verhältnissen und juristischen Prozeduren.

Da auch dem Publikum des 13. Jahrhunderts noch diese Ungereimtheiten aufgefallen sein dürften, ist davon auszugehen, dass sie bewusst eingesetzt wurden.
Diese Annahme verstärkt sich betrachtet man den inhaltlichen Ablauf der Saga:
Dem Hühnerthorir, der wie mehrfach erwähnt wird, kein Ansehen in der isländischen Gesellschaft genießt, gelingt es immer wieder, mit Hilfe von Tricks und dem Einsatz finanzieller Mittel auch hochangesehene und der Tradition verpflichtete Isländer in seine Händel mit einzubeziehen.
Schon im zweiten Kapitel erkauft er sich ein verwandtschaftliches Verhältnis zu dem Goden Arngrim, indem er die Pflegschaft für dessen Sohn Helgi übernimmt. Arngrim ist sich wohl bewusst, dass ihm diese Pflegschaft keine Ehre einbringt, doch kann er einem verlockenden finanziellem Angebot des Thorir nicht widerstehen. (a.a.O., S. 274)

Den edlen und weit geachteten Bluntketil lässt der Hühnerthorir wie einen Idioten erscheinen: als Bluntketil vom Thorir im Winter Heu für seine Pächter kaufen will, verweigert Thorir im dies mit höhnischen und lügnerischen Bemerkungen, obwohl er über mehr als genug Heu verfügt. Der Hühnerthorir verhält sich nicht als Ehrenmann, der anderen in der Notlage hilft, sondern nutzt seine neue Machtstellung als Pflegevater des Helgi schamlos aus – selbst wenn dies bedeutet, dass andere hungern müssen.
Bluntketil nimmt sich das Heu schließlich mit Gewalt. Diese Tat findet in der isländischen Gesellschaft durchaus Zustimmung. Andererseits verschafft sich Thorir durch List und Geldangebote die Hilfe bedeutender Männer und bricht so eine Fehde zwischen mehreren angesehenen Familien vom Zaun.

Im Verlauf des Konflikts trägt immer wieder berechnendes Kalkül, die Verlockung vermeintlichen Reichtums und Hinterlist den Sieg über althergebrachte Traditionen davon. Obwohl der Hühnerthorir selbst relativ schnell aus der eigentlichen Erzählung sang – und klanglos verschwindet (und später erschlagen wird) haben sich die neuen Verhaltensweisen auch bei den angesehenen Isländern bereits eingeschlichen: jeder scheint sich hier nun selbst der Nächste und versucht, sich am Unglück des anderen zu bereichern.
So plündern nach der vom Thorir in die Wege geleiteten „Brenna“ von Bluntketils Hof die zur Hilfe gerufenen und verpflichteten Verbündeten diesen Hof aus, bzw. nehmen ihn mit höhnischen Bemerkungen in den eigenen Besitz. Herstein, der hier als Sohn des Bluntketil dargestellt wird (aber wohl eher sein Enkel gewesen ist), ist der Leidtragende, obwohl er sich ehrenhaft und gemäss den althergebrachten Sitten verhalten hat.
Herstein mutiert darauf hin selbst zu einer Person mit Ellbogenmentalität, der nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht ist.
Im Verlauf der Geschichte treten noch weitere ehrenwerte Männer auf, wie beispielsweise Thord Brüller, die aus anderen Sagas bekannt sind. Diese stehen aufgrund ihres traditionellen Verhaltens häufig wie Trottel da, denn alle anderen haben bereits den neuen Zeitgeist erkannt und tragen im Konflikt den Sieg davon.

Die Saga wurde natürlich für ein christliches Publikum geschrieben. Möglicherweise sollte diesem deutlich vor Augen geführt werden, dass die alten Werte und Lebensweisen sich längst überholt haben. Gleichzeitig möchte aber auch niemand die Verhaltensweisen des unsympathischen Hühnerthorir in sich selbst verwirklicht sehen.
Allerdings scheint der neu aufgetauchte, merkantile Lebensstil die Zeichen der Zeit zu repräsentieren: nur wer sich auf Kosten anderer bereichert oder einflussreiche Männer mit Hilfe von Geldversprechungen auf seine Seite lockt, hat Aussicht, ein erfolgreiches Leben zu führen.
Wer die alten Traditionen pflegt und weiterverfolgt, wird am Ende von allen ausgebeutet und steht als Idiot da, den niemand mehr ernst nimmt. Gemeinschaftssinn, verwandtschaftliche Verpflichtungen, gegenseitige Hilfeleistungen zählen nicht mehr. Was zählt ist Reichtum, und damit einhergehend Macht, sowie der Einsatz von größtmöglicher List und Tücke, um sich selbst zu bereichern.
In der Saga wird dem Publikum vor Augen geführt, dass Menschen, die sich an die althergebrachten Konventionen halten, berechenbar sind und leicht ausgetrickst werden können. Somit haben diese, im Grunde ehrenwerten Leute, das Nachsehen vor hergelaufenen Herumtreibern, wie dem Hühnerthorir, der sie wie Marionetten nach seiner Pfeife tanzen lässt.

Allerdings ist das Problem nicht dieser einzelne Hühnerthorir, sondern die Tatsache, dass sein ausschließlich auf den eigenen Profit bezogenes Denken auch bei den Alteingesessenen Schule macht und um sich greift. So wird die gesamt isländische Gesellschaftsordnung unterhöhlt und ad absurdum geführt.
Es liegt nahe, dass hier eine christliche Alternative intendiert ist, auch wenn diese nirgendwo in der Saga explizit aufscheint. Wenn das alte Verhalten, die alten Traditionen vor den neuen, rein wirtschaftlich orientierten „Werten“ und Handlungsweisen kapitulieren müssen, gibt es nur die Möglichkeit, nach einem neuen Wertekanon Ausschau zu halten, um diesem, sicherlich auch vom damaligen Publikum, als „schlecht“ empfundenen neuen Weg, entgegen zu wirken. Es ist vorstellbar, dass das christliche Publikum des 13. Jahrhunderts genau diesen Schluss für sich gezogen hatte und auch ziehen sollte. Christliche Werte konnten als Mittel gesehen werden, um diesem unehrenhaften Lebenswandel entgegenzuwirken. Wer auf Reichtum und Besitztümer in der diesseitigen Welt keinerlei Wert legt, ist auch vor einem Hühnerthorir gefeit.
Gleichzeitig spielen verwandtschaftliche Bindungen, die einen teilweise zu grausamen Mordtaten treiben können, nur eine untergeordnete Rolle: da jede Person „mein Nächster“ ist, sind Blutfehden für Christen selbstverständlich abzulehnen. Damit entfallen auch verpflichtende Bindungen untereinander, die den altisländischen Menschen und seine Handlungsweisen durchschaubar und berechenbar machten – somit war er anfällig für die neuen Methoden von ausbeuterischen Personen, wie dem Hühnerthorir.
Damit konnte dem christlichen Publikum deutlich gemacht werden, dass sich die alten, heidnischen Werte und Ehrvorstellungen überholt hatten. Gleichzeitig hatte man eine Waffe für den neuen „Feind“, den Eigennutz und die materielle Bereicherung, mit der christlichen Lehre an der Hand.
Das diese Rechnung, christlicher Glaube und Lebensweise ersetzt alte Traditionen und Bindungen und bildet gleichzeitig ein stabiles Bollwerk gegen kapitalistische Interessen, nicht aufgegangen ist, hat der Verlauf der Geschichte gezeigt.

Interessant zum Thema ist auch die im Internet verfügbare umfangreiche Analyse der Hoensa - Thóris Saga von Stefanie Würth.

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