" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Die Gefahren der Masturbation

"Im Gottesstaat und später in Gegen Julian liefert Augustinus eine ziemlich schauerliche Beschreibung des Sexualaktes. Er sieht den sexuellen Akt als eine Art Krampf. Der ganze Körper, sagt Augustinus, wird von schrecklichen Zuckungen geschüttelt. Man verliert völlig die Kontrolle über sich selber. „Dieser sexuelle Akt ergreift so vollständig und leidenschaftlich Besitz vom ganzen Menschen, sowohl körperlich wie gefühlsmässig, dass das Ergebnis die schärfste aller Lüste auf der Ebene der Sinnesempfindungen ist, und auf dem Höhepunkt der Empfindung lähmt er praktisch jede Kraft überlegten Denkens.“
(aus: Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch, Merve Verlag, Berlin, S. 41)

Überraschenderweise räumt Augustinus allerdings auch die Möglichkeit einer gelebten Sexualität vor dem Sündenfall im christlichen Paradies ein. Dort verhält es sich allerdings so, dass diese Sexualität vollkommen unter der Kontrolle Adams steht: er war nicht der Willkür seines Körpers ausgeliefert, sondern säte bei Bedarf seinen Samen ordentlich an den dafür vorgesehenen Stellen aus. Epilepsie artige Anfälle, wie sie oben von Augustinus beschrieben werden, kamen dort selbstverständlich nicht vor. Mit der Vertreibung aus dem Paradies verlor Adam diese Kontrolle über seinen Körper, sein Penis konnte nun ohne jeder Vorwarnung erigieren und machte die bekannte Benutzung des Feigenblatts unabdingbar.
Dadurch, dass Adam Autonomie von Gott über sein eigenes Leben wünschte, ging ihm auch die Beherrschung des Körpers verloren. Schlussfolgernd könnte man meinen, dass nur, wer sich einer höheren, göttlichen Ordnung unterwirft, Herr im eigenen Körper bleiben kann. Rebellion und Auflehnung gegen diese Ordnung führen zum Verlust der Kontrolle über sich selbst.
Die Wiedergewinnung dieser Kontrolle über den Körper und somit die Rückkehr ins göttliche Paradies (gleichbedeutend mit der Unterwerfung unter den göttlichen Willen) gehören somit unauflöslich zusammen.

Um dieses Ziel erreichen zu können, ist es notwendig, sich und seine Triebe ständig im Auge zu behalten und zu erforschen. Der Ursprung der Erektion liegt in „sündigen“, d.h. sexuellen Gedanken oder dem Unterliegen des Willens auf von außen eindringende, sexuelle Reize. Somit könnte man sagen, dass für Augustinus Sexualität im Kopf des Einzelnen stattfand und somit auch der Einzelne aufgefordert ist, mit diesem Problem fertig zu werden.
Durch die Manifestierung solcher moralischen Vorstellungen war es möglich, strenge Christen, Kirchenbedienstete, Mönche und auch einfache Menschen unter ständiger Kontrolle der kirchlichen Vorstellungen zu halten. Der Mensch reglementierte sich permanent selbst, ein notwendiger Schritt, da es nicht möglich ist, jede einzelne Person bis in ihr Schlafzimmer hinein zu überwachen.
Nach Foucault hat sich die Sexualethik von der Beziehungsebene mit anderen weg hin zur Beziehung mit sich selbst verschoben: jetzt soll der erste Gedanke, der erste Impuls des Mannes bis hin zum darauf folgenden (einsamen) Erguss zurückverfolgt, beobachtet und schließlich kontrolliert werden. (a.a:O., S.47)

An diesen Gedankengang Foucaults schließt Richard Sennett an. Nach seinen Studien war Autoerotik zu Beginn des 18. Jahrhunderts kaum von größerem Interesse: "In Hermann Boerhaaves Institutiones medicae, in usus annuae exercitationis domesticos digestae (Leiden, 1708) wird die allgemeine Diagnose von sexueller Zügellosigkeit so gegeben: „Der allzu verschwenderisch ergossene Same führt zu Ermüdung, Schwächung, Trägheit, Krämpfen, Magerkeit, Trockenheit, Hitze und Schmerzen in den Hirnhäuten mit Ermattung der Sinne, vornehmlich der Sicht tabes dorsalis, Verrücktheit und ähnlicher Störungen.“ In der Zeit von Richard Krafft-Ebings Psychopathia sexualis (Stuttgart, 1886) werden diese Symptome auf Masturbation beschränkt. Und die Ursache dieser Symptome liegt nicht mehr „in der allzu verschwenderischen Durchführung des sexuellen Aktes“, sondern im sexuellen Begehren. Allein und unabhängig erlebt führt sexuelle Begierde zu Masturbation, dann zu Homosexualität, schließlich zu Wahnsinn. Von Boerhaave zu Krafft-Ebing hat sich Sexualität verschoben: vom Verhalten einer Person zu ihrem Fühlen.“ (a.a.O., S.46)

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