Moral der Elefanten
"Ich will von der Rechtschaffenheit des Elefanten sprechen. Ein Elefant verläßt niemals seine Gefährtin. Er liebt sie zärtlich. Er paart sich mit ihr nie öfter als einmal in drei Jahren, und das nur fünf Tage lang, und so versteckt, dass er beim Akt nicht gesehen wird. Am sechsten Tag läßt er sich wieder sehen, und das erste, was er tut, ist, dass er schnurstracks zum Fluss ging und darin seinen ganzen Körper wäscht und dass er zu seiner Herde überhaupt nicht zurückkehren will, bis er nicht gereinigt ist. Ist das nicht eine gute und ehrenhafte Gemütsart bei einem Tier, durch die es Eheleute lehrt, sich nicht zu sehr den sinnlichen und fleischlichen Lüsten hinzugeben?"
(aus: Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch, Merve Verlag, Berlin, S. 38)
Dieser kurze Text des Hl. Franz von Sales bildete den Ausgangspunkt eines gemeinsamen Seminars von Richard Sennett und Michel Foucault ("Sexuality and Solitude", Seminar am Institute for the Humanities, New York am 20.11.1980). Sennet und Foucault beschäftigten sich in diesem Seminar mit der Frage, warum Sexualität für die Selbstdefinition des Menschen so wichtig geworden ist.
Während Sennett sich mit dem späten 18. und 19. Jahrhundert beschäftigte und hier vor allem mit dem neu erwachten Interesse der Ärzte, Richter und Erzieher, setzte Foucault weitaus früher an und untersuchte, wie das frühe Christentum vom dritten bis zum sechsten Jahrhundert der Sexualität einen neuen Wert zuschrieb und sie neu definierte. (a.a.O., S. 25)
Foucault spricht in diesem Seminar von den „Technologien des Selbst“. Diese definiert er als „Techniken, die es Individuen ermöglichen, mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen an ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, dass sie sich selbst transformieren, sich selber modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen.“ (a.a.O., S. 35f.)
Nach seiner Meinung erfordert diese Art der Technologie einige Wahrheitsverpflichtungen: die Wahrheit muss aufgedeckt und gesagt werden, durch die Wahrheit findet Erleuchtung statt. In unserer christlichen Bekenntnisreligion sind den Menschen, die diese praktizieren, zahlreiche Wahrheitsverpflichtungen auferlegt: so müssen bestimmte dogmatische Richtlinien als die Wahrheit anerkannt werden, bestimmte Bücher als beständige Wahrheitsquelle betrachtet werden, Entscheidungen bestimmter Autoritäten als Wahrheit akzeptiert werden.
Daneben gibt es noch eine weitere Wahrheitspflicht: jeder Christ muss herausfinden, wer er ist, was innerlich in ihm vorgeht, welche Fehler er begeht und welchen Versuchungen er zu widerstehen hat. Gleichzeitig muss ein guter Christ über all diese Dinge Rechenschaft gegenüber Dritten ablegen. Diese beiden Gruppen von Verpflichtungen sind miteinander verwoben: diejenigen, die Glauben, Dogma und Buch betreffen und diejenigen, in denen man sich mit dem Selbst, dem Herzen und der Seele beschäftigt. (a.a.O., S. 36f.)
Ein Christ ist also verpflichtet, sich selbst zu erforschen, der Glaube ist notwendig für diesen Prozeß. Diese Erforschung fördert alle Versuchungen, Verfehlungen und Irrtümer des Christen zu Tage. Anders als im Buddhismus, indem das Ziel der Selbsterforschung und die Entdeckung der Wahrheit zu der Erkenntnis führt, dass das Selbst eine Illusion ist, erscheint im Christentum das Selbst als zu wirklich: es ist sündhaft, zu körperlich, zu real. Die Aufgabe, dieses Selbst im christlichen Sinne zu läutern ist endlos und letzlich nicht zu lösen: Christen bleiben auf den Akt der Erlösung durch Gott angewiesen.
In diesem Zusammenhang der geforderten Selbsterforschung spielte die Erforschung der eigenen Sexualität seit dem ersten christlichen Jahrhundert eine zunehmend größere Rolle: an der eingangs erzählten „Elefantengeschichte“ wird deutlich, welche Art der Sexualität aus christlicher Sicht akzeptabel erscheint, allerdings akzeptabel in einem sehr eng umgrenzten Sinne: den selbst durch ausgiebige Waschungen, eine monogame Lebensweise, dem massvollen Vollzug des sexuellen Aktes ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung wird niemand vollständig „rein“.
Foucault erscheinen diese Methoden der permanenten Selbstbeobachtung und –kontrolle ein Werkzeug, um Machtverhältnisse zu konstituieren und zu unterstützen. Anders als bei Disziplinarapparaten wie Gefängnissen und Psychatrien wird der Mensch nicht von außen reglementiert sondern er beobachtet und kontrolliert sich ständig selbst, sobald er die vorgegebenen Maßstäbe verinnerlicht hat und für sich akzeptiert, dass diese eingehalten werden müssen.
So kann der Umgang mit der eigenen Sexualität zum Gradmesser für "richtiges" und "falsches" Verhalten benutzt werden, Regeln und Normen dringen in den privatesten und intimsten Bereich des Menschen ein und liefern ihn auch dort einer übergeordneten Instanz aus. Freiheit im sexuellen Bereich wird somit unmöglich - im Gegenteil: Sexualität wird zum Instrument bestimmer Macht- und Herrschaftstechniken.
(aus: Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch, Merve Verlag, Berlin, S. 38)
Dieser kurze Text des Hl. Franz von Sales bildete den Ausgangspunkt eines gemeinsamen Seminars von Richard Sennett und Michel Foucault ("Sexuality and Solitude", Seminar am Institute for the Humanities, New York am 20.11.1980). Sennet und Foucault beschäftigten sich in diesem Seminar mit der Frage, warum Sexualität für die Selbstdefinition des Menschen so wichtig geworden ist.
Während Sennett sich mit dem späten 18. und 19. Jahrhundert beschäftigte und hier vor allem mit dem neu erwachten Interesse der Ärzte, Richter und Erzieher, setzte Foucault weitaus früher an und untersuchte, wie das frühe Christentum vom dritten bis zum sechsten Jahrhundert der Sexualität einen neuen Wert zuschrieb und sie neu definierte. (a.a.O., S. 25)
Foucault spricht in diesem Seminar von den „Technologien des Selbst“. Diese definiert er als „Techniken, die es Individuen ermöglichen, mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen an ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, dass sie sich selbst transformieren, sich selber modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen.“ (a.a.O., S. 35f.)
Nach seiner Meinung erfordert diese Art der Technologie einige Wahrheitsverpflichtungen: die Wahrheit muss aufgedeckt und gesagt werden, durch die Wahrheit findet Erleuchtung statt. In unserer christlichen Bekenntnisreligion sind den Menschen, die diese praktizieren, zahlreiche Wahrheitsverpflichtungen auferlegt: so müssen bestimmte dogmatische Richtlinien als die Wahrheit anerkannt werden, bestimmte Bücher als beständige Wahrheitsquelle betrachtet werden, Entscheidungen bestimmter Autoritäten als Wahrheit akzeptiert werden.
Daneben gibt es noch eine weitere Wahrheitspflicht: jeder Christ muss herausfinden, wer er ist, was innerlich in ihm vorgeht, welche Fehler er begeht und welchen Versuchungen er zu widerstehen hat. Gleichzeitig muss ein guter Christ über all diese Dinge Rechenschaft gegenüber Dritten ablegen. Diese beiden Gruppen von Verpflichtungen sind miteinander verwoben: diejenigen, die Glauben, Dogma und Buch betreffen und diejenigen, in denen man sich mit dem Selbst, dem Herzen und der Seele beschäftigt. (a.a.O., S. 36f.)
Ein Christ ist also verpflichtet, sich selbst zu erforschen, der Glaube ist notwendig für diesen Prozeß. Diese Erforschung fördert alle Versuchungen, Verfehlungen und Irrtümer des Christen zu Tage. Anders als im Buddhismus, indem das Ziel der Selbsterforschung und die Entdeckung der Wahrheit zu der Erkenntnis führt, dass das Selbst eine Illusion ist, erscheint im Christentum das Selbst als zu wirklich: es ist sündhaft, zu körperlich, zu real. Die Aufgabe, dieses Selbst im christlichen Sinne zu läutern ist endlos und letzlich nicht zu lösen: Christen bleiben auf den Akt der Erlösung durch Gott angewiesen.
In diesem Zusammenhang der geforderten Selbsterforschung spielte die Erforschung der eigenen Sexualität seit dem ersten christlichen Jahrhundert eine zunehmend größere Rolle: an der eingangs erzählten „Elefantengeschichte“ wird deutlich, welche Art der Sexualität aus christlicher Sicht akzeptabel erscheint, allerdings akzeptabel in einem sehr eng umgrenzten Sinne: den selbst durch ausgiebige Waschungen, eine monogame Lebensweise, dem massvollen Vollzug des sexuellen Aktes ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung wird niemand vollständig „rein“.
Foucault erscheinen diese Methoden der permanenten Selbstbeobachtung und –kontrolle ein Werkzeug, um Machtverhältnisse zu konstituieren und zu unterstützen. Anders als bei Disziplinarapparaten wie Gefängnissen und Psychatrien wird der Mensch nicht von außen reglementiert sondern er beobachtet und kontrolliert sich ständig selbst, sobald er die vorgegebenen Maßstäbe verinnerlicht hat und für sich akzeptiert, dass diese eingehalten werden müssen.
So kann der Umgang mit der eigenen Sexualität zum Gradmesser für "richtiges" und "falsches" Verhalten benutzt werden, Regeln und Normen dringen in den privatesten und intimsten Bereich des Menschen ein und liefern ihn auch dort einer übergeordneten Instanz aus. Freiheit im sexuellen Bereich wird somit unmöglich - im Gegenteil: Sexualität wird zum Instrument bestimmer Macht- und Herrschaftstechniken.
Thaleia - 14. Dez, 17:11






