"Handelnde" Frauen in der Laxdoela Saga
Im Gegensatz zur griechischen Polis, in der nur Männer aktiv am politischen und öffentlichen Leben teilnehmen konnten, war es in der germanischen Kultur, nachvollziehbar beispielsweise in den isländischen Sagas, auch Frauen möglich, zu „handelnden Personen“ im von Hannah Arendt beschriebenen Sinne zu werden (Hannah Arendt, Vita aktiva).
In der schon erwähnten Saga „Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal“ ist von „Unn, der Grundgescheiten“ (S.75) einer Tochter Ketil Flachnases die Rede. Nachdem die Flucht aus Norwegen vor den zu erwartenden Überfällen König Harald Schönhaars unter Ketils Verwandten beschlossene Sache ist, entscheidet sich Unn, ihrem Vater nach Schottland zu folgen. Dort werden sie gut aufgenommen und machen sich im Land sesshaft (S.78)
Einige Jahre später (eine genaue Zeitangabe fehlt in der Erzählung) ist Unns Vater gestorben, ihr Sohn Thorstein kommt bei Kämpfen mit den Schotten ums Leben. Unn fühlt sich in Schottland nicht mehr wohl und beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Offenbar verfügt sie über eigene, größere Geldmittel und lässt ein Schiff bauen.
Aus der Saga ist zu erfahren, dass sich ihre gesamte Verwandtschaft der Unn anschließt. Wie von Hannah Arendt beschrieben, kann Unn also als die „Beginnerin und Führerin“ einer neuen Unternehmung und Idee gesehen werden. Es ist kaum anzunehmen, dass sie ihre Verwandtschaft mit physischer Gewalt zur Teilnahme an dem Abenteuer bewegte: diese folgte ihr freiwillig. Sie ist demzufolge, auch als Frau, eine „echte Handelnde“.
Weiter wird in der Saga berichtet: "Unn hatte auch mehrere Männer von großer Abstammung und Tüchtigkeit mit sich.“ (S.78)
Diese Schilderung kann ein Hinweis darauf sein, dass es zur Zeit der Saga in etwa gegen Ende des 9. Jahrhunderts nicht als Schande galt, sich als angesehener Mann einer Frau anzuschließen. Zwar wird betont, dass Unn über alle anderen Frauen hoch herausragte (S.78), dennoch hat die Geschichte eine gewisse Selbstverständlichkeit, vor allem was das Verhalten der Verwandten und Männer gegenüber Unn betrifft: im Gegensatz zur griechischen Antike war man in den skandinavischen Ländern offensichtlich bereit, herausragende Leistungen und überzeugende Argumente für eine Unternehmung bei Frauen anzuerkennen und dieser Frau dann als Anführerin zu folgen.
Zunächst segeln Unn und ihr Gefolge zu den Orkneys. Dort halten sie sich eine Weile auf und Unn verheiratet eine ihrer Enkeltöchter: „ Hier vermählte sie Gro, die Tochter Thorsteins des Roten. Sie wurde die Mutter der Greilöd, die mit dem Jarl Thorfinn vermählt war, dem Sohne des Jarl Torf-Einar [...]. Daher stammt das ganze Geschlecht der Orkneyjarle.“ (S.78)
Unn segelt weiter zu den Faröern: „Dort vermählte sie die zweite Tochter des Thorstein, die Olof hieß. Von ihr stammt das vornehmste Geschlecht auf diesen Inseln“. (S.78f.)
Germanische Stämme führen häufig ihre Abkunft auf einen mythischen Ahn zurück – dies kann ein mythologisches Wesen, eine Göttergestalt oder ein berühmter König und Krieger sein. Die Geschichte der Unn lässt hier beinahe auf eine matrilineare Linie schließen: Ahn der Orkneyjarle und des „vornehmsten Geschlechts auf den Faröern“ wäre letztlich somit Unn und zwar nicht übertragen durch ihre Söhne oder Enkelsöhne, sondern durch ihre Enkeltöchter.
Wobei die Frage der "Abstammung" in der germanischen Kultur nicht zwangsläufig genetischen Richtlinien folgte: Wer sich zu dem jeweiligen "Ahn" bekannte, konnte in den Stamm aufgenommen werden. Im vorliegenden Falle ist jedoch von für bäuerliche Verhältnisse üblichen Familienbanden auszugehen, die sich aber später durchaus über mythologische Geschichten und Ahnenfolgen im oben beschriebenen Sinne fortgesetzt haben könnten.
Interessant ist ebenfalls der weitere Verlauf der Erzählung: Unn landet schließlich in Island und sucht ihren Bruder Björn auf, sie verbringt mit ihrem Gefolge den Winter bei ihm. Im Frühling macht sich Unn auf die Suche nach einem geeigneten Platz, um sich selbst einen Hof zu bauen. Auf dem Weg durch die Landschaft hält sie ein Tagmahl ab: die Landspitze dort heißt seitdem „Tagmahlkap“. An einer zweiten Landspitze verliert Unn ihren Kamm: diese heißt seitdem „Kammkap“. (S.79) Augenscheinlich wird Unn nicht nur als „Ahn“ verschiedener Stämme gesehen, sondern gleichzeitig als Namensgeberin bestimmter Landschaften auf Island. Die Geschichte erinnert beinahe ein wenig an die Ahnenvorstellungen der australischen Aborigines. Wobei dort die Ahnen als die Schöpfer von Bergen, Flüssen und anderen auffälligen Landschaftsformationen gelten und nicht nur als deren Namensgeber wie in diesem Fall die Unn.
Unn nimmt daraufhin große Teile des Landes in Besitz, was zu diesen Zeiten einer Frau von herausragenden Fähigkeiten und einer angesehenen Verwandtschaft möglich gewesen ist. Dort ist sie unumstrittene „Herrscherin“, was sich unter anderem daran zeigt, dass sie ihr Land in späteren Zeiten an ihre treuen Mitstreiter verteilt: sie entlässt ihre besten Knechte und schenkt jedem einen Teil ihres Landes. (S.80)
Im Alter verheiratet Unn noch einen ihrer Enkelsöhne, dessen zukünftige Frau sie selbst auswählt, und vererbt ihm ihren eigenen Hof und das zugehörige Land. Während der Hochzeitsfeier gibt sie ihren Entschluss bekannt – sie verlässt den Hochzeitssaal mit Würde, begibt sich zu Bett und stirbt: „Die Männer sprachen ihre Bewunderung darüber aus, wie Unn ihre Hohheit bis zum letzten Augenblick bewahrt habe. [...] Sie wurde in einem Schiff im Hügel begraben und vieles Gut ihr mitgegeben; ...“ (S.82)
Somit steht Unn insgesamt gesehen keinem angesehenen Mann in ihren Taten und Handlungsmöglichkeiten nach, obwohl sie eine Frau ist.
Weiter Beispiele für selbstständig handelnde Frauen in der germanischen Kultur und Ausführungen zum Thema „Germanische Frau“ finden sich in Hans Schuhmachers umfangreicher Arbeit:
http://www.rabenclan.de/index.php/Heidentum/HansSchuhmacherGermanischeFrau
In der schon erwähnten Saga „Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal“ ist von „Unn, der Grundgescheiten“ (S.75) einer Tochter Ketil Flachnases die Rede. Nachdem die Flucht aus Norwegen vor den zu erwartenden Überfällen König Harald Schönhaars unter Ketils Verwandten beschlossene Sache ist, entscheidet sich Unn, ihrem Vater nach Schottland zu folgen. Dort werden sie gut aufgenommen und machen sich im Land sesshaft (S.78)
Einige Jahre später (eine genaue Zeitangabe fehlt in der Erzählung) ist Unns Vater gestorben, ihr Sohn Thorstein kommt bei Kämpfen mit den Schotten ums Leben. Unn fühlt sich in Schottland nicht mehr wohl und beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Offenbar verfügt sie über eigene, größere Geldmittel und lässt ein Schiff bauen.
Aus der Saga ist zu erfahren, dass sich ihre gesamte Verwandtschaft der Unn anschließt. Wie von Hannah Arendt beschrieben, kann Unn also als die „Beginnerin und Führerin“ einer neuen Unternehmung und Idee gesehen werden. Es ist kaum anzunehmen, dass sie ihre Verwandtschaft mit physischer Gewalt zur Teilnahme an dem Abenteuer bewegte: diese folgte ihr freiwillig. Sie ist demzufolge, auch als Frau, eine „echte Handelnde“.
Weiter wird in der Saga berichtet: "Unn hatte auch mehrere Männer von großer Abstammung und Tüchtigkeit mit sich.“ (S.78)
Diese Schilderung kann ein Hinweis darauf sein, dass es zur Zeit der Saga in etwa gegen Ende des 9. Jahrhunderts nicht als Schande galt, sich als angesehener Mann einer Frau anzuschließen. Zwar wird betont, dass Unn über alle anderen Frauen hoch herausragte (S.78), dennoch hat die Geschichte eine gewisse Selbstverständlichkeit, vor allem was das Verhalten der Verwandten und Männer gegenüber Unn betrifft: im Gegensatz zur griechischen Antike war man in den skandinavischen Ländern offensichtlich bereit, herausragende Leistungen und überzeugende Argumente für eine Unternehmung bei Frauen anzuerkennen und dieser Frau dann als Anführerin zu folgen.
Zunächst segeln Unn und ihr Gefolge zu den Orkneys. Dort halten sie sich eine Weile auf und Unn verheiratet eine ihrer Enkeltöchter: „ Hier vermählte sie Gro, die Tochter Thorsteins des Roten. Sie wurde die Mutter der Greilöd, die mit dem Jarl Thorfinn vermählt war, dem Sohne des Jarl Torf-Einar [...]. Daher stammt das ganze Geschlecht der Orkneyjarle.“ (S.78)
Unn segelt weiter zu den Faröern: „Dort vermählte sie die zweite Tochter des Thorstein, die Olof hieß. Von ihr stammt das vornehmste Geschlecht auf diesen Inseln“. (S.78f.)
Germanische Stämme führen häufig ihre Abkunft auf einen mythischen Ahn zurück – dies kann ein mythologisches Wesen, eine Göttergestalt oder ein berühmter König und Krieger sein. Die Geschichte der Unn lässt hier beinahe auf eine matrilineare Linie schließen: Ahn der Orkneyjarle und des „vornehmsten Geschlechts auf den Faröern“ wäre letztlich somit Unn und zwar nicht übertragen durch ihre Söhne oder Enkelsöhne, sondern durch ihre Enkeltöchter.
Wobei die Frage der "Abstammung" in der germanischen Kultur nicht zwangsläufig genetischen Richtlinien folgte: Wer sich zu dem jeweiligen "Ahn" bekannte, konnte in den Stamm aufgenommen werden. Im vorliegenden Falle ist jedoch von für bäuerliche Verhältnisse üblichen Familienbanden auszugehen, die sich aber später durchaus über mythologische Geschichten und Ahnenfolgen im oben beschriebenen Sinne fortgesetzt haben könnten.
Interessant ist ebenfalls der weitere Verlauf der Erzählung: Unn landet schließlich in Island und sucht ihren Bruder Björn auf, sie verbringt mit ihrem Gefolge den Winter bei ihm. Im Frühling macht sich Unn auf die Suche nach einem geeigneten Platz, um sich selbst einen Hof zu bauen. Auf dem Weg durch die Landschaft hält sie ein Tagmahl ab: die Landspitze dort heißt seitdem „Tagmahlkap“. An einer zweiten Landspitze verliert Unn ihren Kamm: diese heißt seitdem „Kammkap“. (S.79) Augenscheinlich wird Unn nicht nur als „Ahn“ verschiedener Stämme gesehen, sondern gleichzeitig als Namensgeberin bestimmter Landschaften auf Island. Die Geschichte erinnert beinahe ein wenig an die Ahnenvorstellungen der australischen Aborigines. Wobei dort die Ahnen als die Schöpfer von Bergen, Flüssen und anderen auffälligen Landschaftsformationen gelten und nicht nur als deren Namensgeber wie in diesem Fall die Unn.
Unn nimmt daraufhin große Teile des Landes in Besitz, was zu diesen Zeiten einer Frau von herausragenden Fähigkeiten und einer angesehenen Verwandtschaft möglich gewesen ist. Dort ist sie unumstrittene „Herrscherin“, was sich unter anderem daran zeigt, dass sie ihr Land in späteren Zeiten an ihre treuen Mitstreiter verteilt: sie entlässt ihre besten Knechte und schenkt jedem einen Teil ihres Landes. (S.80)
Im Alter verheiratet Unn noch einen ihrer Enkelsöhne, dessen zukünftige Frau sie selbst auswählt, und vererbt ihm ihren eigenen Hof und das zugehörige Land. Während der Hochzeitsfeier gibt sie ihren Entschluss bekannt – sie verlässt den Hochzeitssaal mit Würde, begibt sich zu Bett und stirbt: „Die Männer sprachen ihre Bewunderung darüber aus, wie Unn ihre Hohheit bis zum letzten Augenblick bewahrt habe. [...] Sie wurde in einem Schiff im Hügel begraben und vieles Gut ihr mitgegeben; ...“ (S.82)
Somit steht Unn insgesamt gesehen keinem angesehenen Mann in ihren Taten und Handlungsmöglichkeiten nach, obwohl sie eine Frau ist.
Weiter Beispiele für selbstständig handelnde Frauen in der germanischen Kultur und Ausführungen zum Thema „Germanische Frau“ finden sich in Hans Schuhmachers umfangreicher Arbeit:
http://www.rabenclan.de/index.php/Heidentum/HansSchuhmacherGermanischeFrau
Thaleia - 16. Nov, 20:10






