Sinnliche Rituale als gesellschaftliche Praxis
Tantrische Massagen werden häufig als „Rituale“ bezeichnet. Was genau der Begriff „Ritual“ bedeutet, ist allerdings den wenigsten klar und selbst Wissenschaftler haben Schwierigkeiten mit einer genaueren Definition. Zunächst als wissenschaftlicher Fachbegriff, der genau definiert werden konnte, hielt das Wort „Ritual“ später Einzug in die Alltagssprache und wird heute in vielfältigen Zusammenhängen verwendet, wie z.B. bei Zeremonien, Festen, Preisverleihungen, im christlichen sowie im (neu)heidnischen Umfeld. „Ritual“ wird häufig auch im ähnlichen Wortsinne wie „Brauch“, „Sitte“, „Etikette“ und „Routine“ benutzt.
In einer von Dietrich Harth und Axel Michaels herausgegebenen Studie zur Ritualdynamik Diskussionsbeiträge des SFB 619 »Ritualdynamik« der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg, herausgegeben von Dietrich Harth und Axel Michaels, Nr.3, Dez. 2003, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/portal/ritualdynamik/) sind einige der am wenigsten umstrittenen Merkmale von Ritualen zusammengestellt, die ich hier verkürzt wiedergebe. Es müssen nicht alle Merkmale zutreffen, um ein Ritual als solches zu kennzeichnen:
1. Verkörperung: Rituale setzen eine natürliche Person voraus, die auf der physischen Ebene handelt.
2. Rituale sind häufig beinahe stereotyp aufgebaut, die Handlungen sind nachahmbar. Dadurch werden sie zu öffentlichen Handlungen.
3. Rituale weisen in der Regel einen Rahmen auf: Anfang – und Endpunkt des Rituals werden durch einen Ton, bestimmte Kleidung, einen festgelegten Einleitungssatz, das Betreten eines dafür vorgesehenen Raumes, etc. deutlich markiert. Dadurch entsteht eine deutliche Abgrenzung des rituellen Raumes zu dem unserer Alltagswelt.
4. Rituale passieren nicht aus dem „Nichts“ heraus: sie sind mit mehreren Menschen verabredete Handlungen, die zu einem vereinbarten Termin stattfinden.
5. Rituale können den Übergang von einem sozialen Status in den anderen markieren: z.B. zum Erwachsenen (Initiation), Ehemann/-frau (Heirat), Autofahrer (Führerscheinübergabe), Bundespräsident (Wahl), etc.
6. Rituelle Handlungen haben in der Regel einen stabilisierenden Einfluss auf die sozialen Beziehungen, sie bestärken diese. Die ablaufenden Handlungen werden in Beziehung zu einer anderen, oft höher bewerteten Welt oder Tradition gesetzt.
7. Rituale müssen nicht nach ihrem Sinn hinterfragt werden oder verstanden werden: es genügt, sie auszuführen. Dies setzt ein gewisses Vertrauen in die Wirksamkeit des Rituals voraus, welches durch die Erfahrung und vielfache Wiederholung des Rituals entsteht.
Die Punkt 1 – 4 und 7 sind ohne weiteres auf tantrische Massagerituale übertragbar: handelnde Person wäre die Masseurin/der Masseur, die Massage hat einen festgelegten Ablauf, ist also damit nachahmbar.
Anfang und Endpunkt des Massagerituals werden durch bestimmte, formale Sätze bzw. eine kleine Meditation eingeleitet und beendet. Die Räumlichkeiten sind festlich gestaltet, mit Blumen und Kerzen geschmückt, Masseur und Massierter sind leicht bekleidet, entspannende Musik begleitet die Massage.
Für die Massage muss ein Termin vereinbart werden und ein gewisser Zeitrahmen eingeplant werden.
Die wenigsten Masseure sind über die Hintergründe des von ihnen ausgeführten Rituals informiert, noch weniger Wissen darüber ist bei den Massageempfängern voraus zu setzen.
Punkt 5 der Aufzählung, das Rituale bestimmte Übergänge von einem sozialen Status in den anderen markieren, ist derzeit bei tantrischen Massagen sicher nicht als allgemein übliche Praxis feststellbar. Es wäre aber denkbar, dieses Ritual in einem solchen Rahmen zu nutzen: so könnten junge Männer und Frauen sinnliche Massagen als Geschenk erhalten (beispielsweise anlässlich des Erreichens der Volljährigkeit) und somit in bestimmte, erotische Praktiken eingeführt werden. Eine Idee, die in Einzelfällen von aufgeschlossenen Eltern oder Freunden der jungen Leute bereits aufgegriffen wurde.
Insgesamt gesehen werden tantrische Massagerituale immer noch einer gewissen „Grauzone“ zugeordnet. Zwar fallen sie nicht eindeutig unter „Prostitution“ haben allerdings auch nicht den Status von z.B. „Wellnessmassagen“. Damit wird ein unkomplizierter Umgang mit diesen sexuellen Themen und Praktiken erschwert: den meisten Menschen dürfte es nicht selbstverständlich erscheinen, bei einer Familienfeier von den Erfahrungen, die sie mit erotischen Massagen gemacht haben, unbefangen zu erzählen.
Damit zusammenhängend kann derzeit, wie in Punkt 6 der Merkmale von Ritualen angeführt, nicht davon gesprochen werden, dass tantrische Massagen einen stabilisierenden Faktor auf soziale Beziehungen ausüben und diese bestärken. Zwar werden sinnliche Massagen in den letzten Jahren zunehmend von Paaren genutzt, die diese Erfahrungen als für ihre Partnerschaft bereichernd empfinden, aber in einem größeren gesellschaftlichen Kontext sind derartige Praktiken immer noch nicht „salonfähig“.
In diesem Sinne wird ein solches Massagritual allenfalls in alternativen gesellschaftlichen Strömungen, aus denen die tantrische Massage hervorgegangen ist, in bezug zu einer anderen Welt oder Tradition gesetzt. Hier allerdings würden sich weitreichende Einsatzmöglichkeiten und Lernfelder ergeben: sinnliche Rituale könnten möglicherweise in moderner naturreligiöser Praxis Einzug halten und so einen Beitrag zu einer neuen gelebten Kultur leisten. Wissen über Erotik und Sexualität könnte jenseits finanzieller Interessen weitervermittelt und integiert werden. Dem bei sexuellen Problemen üblicherweise auftauchenden Rückgriff auf psychologische Deutungsmodelle und Erklärungsversuche gerade im sinnlichen Bereich könnten Handlungs- und Lösungsalternativen aus einer erotischen Praxis heraus gegenübergestellt werden.
In einer von Dietrich Harth und Axel Michaels herausgegebenen Studie zur Ritualdynamik Diskussionsbeiträge des SFB 619 »Ritualdynamik« der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg, herausgegeben von Dietrich Harth und Axel Michaels, Nr.3, Dez. 2003, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/portal/ritualdynamik/) sind einige der am wenigsten umstrittenen Merkmale von Ritualen zusammengestellt, die ich hier verkürzt wiedergebe. Es müssen nicht alle Merkmale zutreffen, um ein Ritual als solches zu kennzeichnen:
1. Verkörperung: Rituale setzen eine natürliche Person voraus, die auf der physischen Ebene handelt.
2. Rituale sind häufig beinahe stereotyp aufgebaut, die Handlungen sind nachahmbar. Dadurch werden sie zu öffentlichen Handlungen.
3. Rituale weisen in der Regel einen Rahmen auf: Anfang – und Endpunkt des Rituals werden durch einen Ton, bestimmte Kleidung, einen festgelegten Einleitungssatz, das Betreten eines dafür vorgesehenen Raumes, etc. deutlich markiert. Dadurch entsteht eine deutliche Abgrenzung des rituellen Raumes zu dem unserer Alltagswelt.
4. Rituale passieren nicht aus dem „Nichts“ heraus: sie sind mit mehreren Menschen verabredete Handlungen, die zu einem vereinbarten Termin stattfinden.
5. Rituale können den Übergang von einem sozialen Status in den anderen markieren: z.B. zum Erwachsenen (Initiation), Ehemann/-frau (Heirat), Autofahrer (Führerscheinübergabe), Bundespräsident (Wahl), etc.
6. Rituelle Handlungen haben in der Regel einen stabilisierenden Einfluss auf die sozialen Beziehungen, sie bestärken diese. Die ablaufenden Handlungen werden in Beziehung zu einer anderen, oft höher bewerteten Welt oder Tradition gesetzt.
7. Rituale müssen nicht nach ihrem Sinn hinterfragt werden oder verstanden werden: es genügt, sie auszuführen. Dies setzt ein gewisses Vertrauen in die Wirksamkeit des Rituals voraus, welches durch die Erfahrung und vielfache Wiederholung des Rituals entsteht.
Die Punkt 1 – 4 und 7 sind ohne weiteres auf tantrische Massagerituale übertragbar: handelnde Person wäre die Masseurin/der Masseur, die Massage hat einen festgelegten Ablauf, ist also damit nachahmbar.
Anfang und Endpunkt des Massagerituals werden durch bestimmte, formale Sätze bzw. eine kleine Meditation eingeleitet und beendet. Die Räumlichkeiten sind festlich gestaltet, mit Blumen und Kerzen geschmückt, Masseur und Massierter sind leicht bekleidet, entspannende Musik begleitet die Massage.
Für die Massage muss ein Termin vereinbart werden und ein gewisser Zeitrahmen eingeplant werden.
Die wenigsten Masseure sind über die Hintergründe des von ihnen ausgeführten Rituals informiert, noch weniger Wissen darüber ist bei den Massageempfängern voraus zu setzen.
Punkt 5 der Aufzählung, das Rituale bestimmte Übergänge von einem sozialen Status in den anderen markieren, ist derzeit bei tantrischen Massagen sicher nicht als allgemein übliche Praxis feststellbar. Es wäre aber denkbar, dieses Ritual in einem solchen Rahmen zu nutzen: so könnten junge Männer und Frauen sinnliche Massagen als Geschenk erhalten (beispielsweise anlässlich des Erreichens der Volljährigkeit) und somit in bestimmte, erotische Praktiken eingeführt werden. Eine Idee, die in Einzelfällen von aufgeschlossenen Eltern oder Freunden der jungen Leute bereits aufgegriffen wurde.
Insgesamt gesehen werden tantrische Massagerituale immer noch einer gewissen „Grauzone“ zugeordnet. Zwar fallen sie nicht eindeutig unter „Prostitution“ haben allerdings auch nicht den Status von z.B. „Wellnessmassagen“. Damit wird ein unkomplizierter Umgang mit diesen sexuellen Themen und Praktiken erschwert: den meisten Menschen dürfte es nicht selbstverständlich erscheinen, bei einer Familienfeier von den Erfahrungen, die sie mit erotischen Massagen gemacht haben, unbefangen zu erzählen.
Damit zusammenhängend kann derzeit, wie in Punkt 6 der Merkmale von Ritualen angeführt, nicht davon gesprochen werden, dass tantrische Massagen einen stabilisierenden Faktor auf soziale Beziehungen ausüben und diese bestärken. Zwar werden sinnliche Massagen in den letzten Jahren zunehmend von Paaren genutzt, die diese Erfahrungen als für ihre Partnerschaft bereichernd empfinden, aber in einem größeren gesellschaftlichen Kontext sind derartige Praktiken immer noch nicht „salonfähig“.
In diesem Sinne wird ein solches Massagritual allenfalls in alternativen gesellschaftlichen Strömungen, aus denen die tantrische Massage hervorgegangen ist, in bezug zu einer anderen Welt oder Tradition gesetzt. Hier allerdings würden sich weitreichende Einsatzmöglichkeiten und Lernfelder ergeben: sinnliche Rituale könnten möglicherweise in moderner naturreligiöser Praxis Einzug halten und so einen Beitrag zu einer neuen gelebten Kultur leisten. Wissen über Erotik und Sexualität könnte jenseits finanzieller Interessen weitervermittelt und integiert werden. Dem bei sexuellen Problemen üblicherweise auftauchenden Rückgriff auf psychologische Deutungsmodelle und Erklärungsversuche gerade im sinnlichen Bereich könnten Handlungs- und Lösungsalternativen aus einer erotischen Praxis heraus gegenübergestellt werden.
Thaleia - 14. Nov, 22:01






