Laxdoela Saga
"Ketil Flachnase hieß ein Mann, der Sohn des Björn Buna; er war ein mächtiger Herse in Norwegen und aus einer angesehenen Familie. [...]
In den späten Lebenstagen Ketils hob König Harald Schönhaar sich zu solcher Macht, das kein Gaukönig im Lande mehr etwas galt oder sonst ein Häuptling, vielmehr er allein über ihre Befugnisse bestimmen wollte. Als nun Ketil erfuhr, dass von König Harald ihm das gleiche zugedacht sei wie den anderen Großen: keine Buße zu bekommen für Verwandte und sich selbst in einen Pächter umgewandelt zu sehen, da berief er seine Verwandten zu einem Thing [...]"
(Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal, in: Island Sagas – Erzählkunst, Eugen Diederichs Verlag, 2.Auflage, München, 1995, S. 75)
In der nachfolgenden Rede stellt Ketil seinen Leuten mögliche Auswege vor der Bedrohung durch König Schönhaar vor: sie können tapfer kämpfen und dabei der Übermacht Schönhaars unterliegen, jedoch ihre Ehre behalten oder alternativ Norwegen verlassen. Ketils Sohn Björn ergreift das Wort und spricht sich für eine Auswanderung aus:
„[..] ich will den Beispielen angesehener Männer folgen und aus diesem Lande fliehen. Ich verspreche mir keine Frucht davon, daheim auf die Knechte König Haralds zu warten und dass sie uns von unserem Eigentum vertreiben oder auch ein für alle mal ein Ende mit uns machen.“
Für diese Rede erhält Björn großen Beifall und die Auswanderung ist beschlossene Sache: Ketil entscheidet, nach Schottland zu gehen und Björn und dessen Bruder machen sich nach Island auf den Weg, um dort zu siedeln. Beiden Parteien schließen sich jeweils verschiedene Verwandte an, die dabei ihrem eigenen freien Willen folgen.
Der Zeitpunkt dieser Saga markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der skandinavischen Länder: genossen vorher einzelne Jarle, Hersen und Könige großes Ansehen, die jedoch darauf bedacht sein mussten, ihre Gefolgsleute bei Laune zu halten und für ihre Ideen zu begeistern, so tauchte mit König Harald Schönhaar Ende des 9. Jahrhunderts der erste norwegische König nach kontinentalem Vorbild auf: Schönhaar besiegte schließlich seine eigenen Landsleute, schwang sich zum alleinigen Herrscher (im heutigen Sinne des Wortes) über Norwegen auf und paktierte mit kontinentalen Herrscherfamilien.
Hier ergibt sich eine interessante Parallele zu Hannah Arendts Begriff des „Handelns“ wie er in der griechischen Polis verstanden wurde. Arendt definiert „Handeln“ immer als einen Neuanfang, eine Geschichte beginnt, deren Ende ungewiss ist. Die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit setzen mit ihrem Dasein und Handeln jeweils vollkommen neue Impulse in die Welt, die häufig auch Umbrüche markieren. Handeln erfordert nach Arendt immer ein „Miteinander“ – im Gegensatz zum „Herstellen“ und „Arbeiten“ ist es nicht als einsame Tätigkeit einer Einzelperson vorstellbar. Im „Handeln“ zeigt sich die Person durch ihre Taten, durch ihr „Sprechen“ wird sie für die anderen begreifbar und ihr Tun kann in einen Kontext eingeordnet werden. Jeder, der in diesem Sinne „handelt“ ist auf die Unterstützung seiner Mitmenschen angewiesen:
„Die Vorstellung, dass der Starke am Mächtigsten allein ist, beruht entweder auf dem Irrglauben, dass wir im Bereich der menschlichen Angelegenheiten etwas „machen“ können – z.B. Einrichtungen und Gesetze „schaffen“, wie wir Tische und Stühle fabrizieren, oder den Menschen „besser“ oder „schlechter“ machen – oder aber sie entspringt der bewussten Verzweiflung an dem Sinn von Handeln überhaupt, des politischen wie des unpolitischen, die sich dann leicht mit der utopischen Hoffnung tröstet, man könne vielleicht die Menschen behandeln, wie man alles andere Material behandelt.“ (Hannah Arendt, Vita aktiva, S. 234)
Die Laxdoela Saga beschreibt dieses von Arendt gemeinte Handeln sehr genau: sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen wurde "Handeln" durch zwei unterschiedliche Worte beschrieben: eines bezeichnete in etwa "anfangen, anführen, in Bewegung setzen", der zweite Begriff bedeutete "ausführen, vollenden".
Somit setzte sich „Handeln“ bei den Griechen und Römern aus diesen beiden Bedeutungen zusammen, die sich gegenseitig bedingten: „Etwas wird begonnen oder in Bewegung gesetzt von einem einzelnen, der anführt, woraufhin ihm viele gleichsam zur Hilfe eilen, um das Begonnene weiter zu betreiben und zu vollenden.“ (HA, S.235).
Der „Beginner“ war, wie auch in der vorliegenden Saga, auf die Mithilfe der „Vollender“ angewiesen. Gerade die Geschichte der Leute vom Lachswassertal markiert einen entscheidenden Wendepunkt: Ketil und seine Leute handeln noch im völligen Einklang mit dieser Vorstellung von gemeinsamen „Tun“. Ketil weiß, dass er nicht alleine entscheiden kann, was zu passieren hat, bzw. kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu befehlen. Sein Sohn Björn schließlich gibt den ausschlaggebenden Impuls: man beschließt, dass Land zu verlassen. Björn könnte dieses Unterfangen niemals auf sich alleine gestellt durchführen, zumal es im Falle Islands nahezu um eine Neubesiedlung des Landes geht, die alleine unmöglich durchzuführen wäre. Er ist auf die Unterstützung seiner Leute angewiesen, die später auch die Geschichte fortführen (vollenden) werden, indem sie sich dauerhaft in Island niederlassen.
Harald Schönhaar steht dagegen für das neue Zeitalter, welches in Kontinental - Europa schon längst begonnen hat: Diejenigen, die „handeln“ sind nunmehr die Untertanen und Befehlsempfänger, sie vollenden, was ihnen vom „Herrscher“ aufgetragen wird.
Die Positionen können nicht mehr gewechselt werden, wie es zu früheren Zeiten und in der Laxdoela Saga durchaus vorgesehen war: der Herrscher bleibt in seiner Stellung, er ist der Befehlshaber. Die Befehlsempfänger werden zu einer undefinierbaren und austauschbaren Masse, die keine Chance haben, auf die Entscheidungen des "Herrschers" Einfluss zu nehmen.
Der Entschluss Ketils und Björns ist in seiner Planung und Durchführung gleichzeitig ein Votum für das alte System, das allen Beteiligten die Achtung und das Mitspracherecht zukommen lässt, das ihnen gebührt: Björn stellt seine Idee des Auswanderns vor und erhält dafür Beifall. Seine Verwandten haben jedoch die freie Wahl, was sie tun wollen: ob sie bleiben, ihm folgen oder mit seinem Vater gehen. So wird das Projekt ein gemeinsames und freiwilliges, in dem sich jeder bewusst ist, dass die Unternehmung ohne die Mitwirkung der anderen nicht funktionieren kann. Diese Auswanderung ist die Sache aller.
In den späten Lebenstagen Ketils hob König Harald Schönhaar sich zu solcher Macht, das kein Gaukönig im Lande mehr etwas galt oder sonst ein Häuptling, vielmehr er allein über ihre Befugnisse bestimmen wollte. Als nun Ketil erfuhr, dass von König Harald ihm das gleiche zugedacht sei wie den anderen Großen: keine Buße zu bekommen für Verwandte und sich selbst in einen Pächter umgewandelt zu sehen, da berief er seine Verwandten zu einem Thing [...]"
(Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal, in: Island Sagas – Erzählkunst, Eugen Diederichs Verlag, 2.Auflage, München, 1995, S. 75)
In der nachfolgenden Rede stellt Ketil seinen Leuten mögliche Auswege vor der Bedrohung durch König Schönhaar vor: sie können tapfer kämpfen und dabei der Übermacht Schönhaars unterliegen, jedoch ihre Ehre behalten oder alternativ Norwegen verlassen. Ketils Sohn Björn ergreift das Wort und spricht sich für eine Auswanderung aus:
„[..] ich will den Beispielen angesehener Männer folgen und aus diesem Lande fliehen. Ich verspreche mir keine Frucht davon, daheim auf die Knechte König Haralds zu warten und dass sie uns von unserem Eigentum vertreiben oder auch ein für alle mal ein Ende mit uns machen.“
Für diese Rede erhält Björn großen Beifall und die Auswanderung ist beschlossene Sache: Ketil entscheidet, nach Schottland zu gehen und Björn und dessen Bruder machen sich nach Island auf den Weg, um dort zu siedeln. Beiden Parteien schließen sich jeweils verschiedene Verwandte an, die dabei ihrem eigenen freien Willen folgen.
Der Zeitpunkt dieser Saga markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der skandinavischen Länder: genossen vorher einzelne Jarle, Hersen und Könige großes Ansehen, die jedoch darauf bedacht sein mussten, ihre Gefolgsleute bei Laune zu halten und für ihre Ideen zu begeistern, so tauchte mit König Harald Schönhaar Ende des 9. Jahrhunderts der erste norwegische König nach kontinentalem Vorbild auf: Schönhaar besiegte schließlich seine eigenen Landsleute, schwang sich zum alleinigen Herrscher (im heutigen Sinne des Wortes) über Norwegen auf und paktierte mit kontinentalen Herrscherfamilien.
Hier ergibt sich eine interessante Parallele zu Hannah Arendts Begriff des „Handelns“ wie er in der griechischen Polis verstanden wurde. Arendt definiert „Handeln“ immer als einen Neuanfang, eine Geschichte beginnt, deren Ende ungewiss ist. Die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit setzen mit ihrem Dasein und Handeln jeweils vollkommen neue Impulse in die Welt, die häufig auch Umbrüche markieren. Handeln erfordert nach Arendt immer ein „Miteinander“ – im Gegensatz zum „Herstellen“ und „Arbeiten“ ist es nicht als einsame Tätigkeit einer Einzelperson vorstellbar. Im „Handeln“ zeigt sich die Person durch ihre Taten, durch ihr „Sprechen“ wird sie für die anderen begreifbar und ihr Tun kann in einen Kontext eingeordnet werden. Jeder, der in diesem Sinne „handelt“ ist auf die Unterstützung seiner Mitmenschen angewiesen:
„Die Vorstellung, dass der Starke am Mächtigsten allein ist, beruht entweder auf dem Irrglauben, dass wir im Bereich der menschlichen Angelegenheiten etwas „machen“ können – z.B. Einrichtungen und Gesetze „schaffen“, wie wir Tische und Stühle fabrizieren, oder den Menschen „besser“ oder „schlechter“ machen – oder aber sie entspringt der bewussten Verzweiflung an dem Sinn von Handeln überhaupt, des politischen wie des unpolitischen, die sich dann leicht mit der utopischen Hoffnung tröstet, man könne vielleicht die Menschen behandeln, wie man alles andere Material behandelt.“ (Hannah Arendt, Vita aktiva, S. 234)
Die Laxdoela Saga beschreibt dieses von Arendt gemeinte Handeln sehr genau: sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen wurde "Handeln" durch zwei unterschiedliche Worte beschrieben: eines bezeichnete in etwa "anfangen, anführen, in Bewegung setzen", der zweite Begriff bedeutete "ausführen, vollenden".
Somit setzte sich „Handeln“ bei den Griechen und Römern aus diesen beiden Bedeutungen zusammen, die sich gegenseitig bedingten: „Etwas wird begonnen oder in Bewegung gesetzt von einem einzelnen, der anführt, woraufhin ihm viele gleichsam zur Hilfe eilen, um das Begonnene weiter zu betreiben und zu vollenden.“ (HA, S.235).
Der „Beginner“ war, wie auch in der vorliegenden Saga, auf die Mithilfe der „Vollender“ angewiesen. Gerade die Geschichte der Leute vom Lachswassertal markiert einen entscheidenden Wendepunkt: Ketil und seine Leute handeln noch im völligen Einklang mit dieser Vorstellung von gemeinsamen „Tun“. Ketil weiß, dass er nicht alleine entscheiden kann, was zu passieren hat, bzw. kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu befehlen. Sein Sohn Björn schließlich gibt den ausschlaggebenden Impuls: man beschließt, dass Land zu verlassen. Björn könnte dieses Unterfangen niemals auf sich alleine gestellt durchführen, zumal es im Falle Islands nahezu um eine Neubesiedlung des Landes geht, die alleine unmöglich durchzuführen wäre. Er ist auf die Unterstützung seiner Leute angewiesen, die später auch die Geschichte fortführen (vollenden) werden, indem sie sich dauerhaft in Island niederlassen.
Harald Schönhaar steht dagegen für das neue Zeitalter, welches in Kontinental - Europa schon längst begonnen hat: Diejenigen, die „handeln“ sind nunmehr die Untertanen und Befehlsempfänger, sie vollenden, was ihnen vom „Herrscher“ aufgetragen wird.
Die Positionen können nicht mehr gewechselt werden, wie es zu früheren Zeiten und in der Laxdoela Saga durchaus vorgesehen war: der Herrscher bleibt in seiner Stellung, er ist der Befehlshaber. Die Befehlsempfänger werden zu einer undefinierbaren und austauschbaren Masse, die keine Chance haben, auf die Entscheidungen des "Herrschers" Einfluss zu nehmen.
Der Entschluss Ketils und Björns ist in seiner Planung und Durchführung gleichzeitig ein Votum für das alte System, das allen Beteiligten die Achtung und das Mitspracherecht zukommen lässt, das ihnen gebührt: Björn stellt seine Idee des Auswanderns vor und erhält dafür Beifall. Seine Verwandten haben jedoch die freie Wahl, was sie tun wollen: ob sie bleiben, ihm folgen oder mit seinem Vater gehen. So wird das Projekt ein gemeinsames und freiwilliges, in dem sich jeder bewusst ist, dass die Unternehmung ohne die Mitwirkung der anderen nicht funktionieren kann. Diese Auswanderung ist die Sache aller.
Thaleia - 9. Nov, 22:12







Berna
Der unvollendete Aspekt eines Verbs bezeichnet die noch nicht beendete Handlung. Sie beginnt gerade oder hat begonnen bzw. wiederholt sich, ist aber noch nicht beendet. Der vollendete Aspekt kann nur eine bereits abgeschlossene Handlung bezeichnen, nie eine, die noch in ihrem Verlauf begriffen ist.
Der deutsche Satz "Ich schreibe einen Brief." z.B. ist in diesem Sinne nicht eindeutig. Für die Übersetzung z.B. ins Russische müsste man sich festlegen, was gemeint ist: Ist der Sprecher im Moment des Sprechens dabei, den Brief zu schreiben bzw. bezieht er sich auf die Tatsache, daß er zur Kommunikation regelmäßig die Briefform wählt? Oder ist es eher eine Absichtserklärung? Falls der Vorgang des Schreibens noch andauert oder sich ständig wiederholt, so verwendet man hier den unvollendeten Aspekt. Ist jedoch gemeint, daß man einen bestimmten Brief (vollständig) schreiben wird, so wird bereits der vollendete Aspekt verwendet, obwohl der Brief eigentlich noch nicht geschrieben ist. Für die Entscheidung zählt nur, ob die Handlung in ihrer abgeschlossenen, vollendeten Form BETRACHTET wird oder nicht.
Wäre ja mal interessant, wann und unter welchen sozialhistorischen Umständen diese Differenzierung der Betrachtung aus der deutschen (den germanischen?) Sprache(n) verschwunden ist ...