" Eine Frage: Was glaubt ihr, dass eine Trollin eher »bumst« oder »verkehrt« ? " (Hans Peter Duerr)

Der Verlust des Handelns

„Wir müssen uns in diesem Zusammenhang erst einmal darüber klar werden, welche außerordentlichen Schwierigkeiten wir infolge der neuzeitlichen Entwicklung haben, diese entscheidenden Trennungen und Unterschiede zwischen öffentlich und privat, zwischen dem Raum der Polis und dem Bereich des Haushalts und der Familie, schließlich zwischen den Tätigkeiten, die der Erhaltung des Lebens dienen, und denjenigen, die sich auf eine allen gemeinsame Welt richten, überhaupt zu verstehen, wobei wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, dass diese Trennungen und Unterscheidungen die selbstverständliche und axiomatische Grundlage des gesamten politischen Denkens der Antike bildeten.“ (Hannah Arendt, Vita activa – oder Vom tätigen Leben, Piper, 2005, Erstauflage 1967, S.39)

Hannah Arendt verwendet den Begriff „privat“ in seiner ursprünglichen Bedeutung von „Raub, Beraubung“ im Gegensatz zum „Öffentlichen/Politischen Raum“ der mit der „Freiheit des Handelns und Sprechens“ in der griechischen Polis gleichgesetzt wurde.
Am politischen Leben der Polis konnten nur solche Bürger teilnehmen, die von den alltäglichen Sorgen des Privatlebens und Haushaltes befreit waren: sie konnten frei über ihre Zeit und ihren Aufenthaltsort verfügen, mussten nicht durch Arbeit die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalt herbeischaffen und waren gleichzeitig die Hausvorstände eines Familienverbandes, der ihnen diese unliebsamen Tätigkeiten abnahm.

Arendt nimmt eine Unterscheidung zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln vor, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet: "Arbeiten" dient dem einzigen Zweck, die biologischen Grundlagen für das Überleben des Menschen bereitzustellen, "Herstellen" ist der Vorgang, unsere natürliche Umgebung durch Gegenstände zu erweitern: dem Bau von Häusern ebenso wie der Herstellung von Töpfen, Tellern, Computern, Autos etc. (womit der Mensch sich der Natur entfremdet hat und in einer von ihm selbst geschaffenen Umwelt lebt). „Handeln“ bezeichnet alle Taten und auch das Sprechen im öffentlichen Raum, wie er in der griechischen Polis verstanden wurde. „Sprechen“ stellt eine ausschließlich dem Menschen zuzurechnende Fertigkeit dar, die gleichzeitig aber auch Pluralität und viele beteiligte Personen voraussetzt, in diesem Sinne also als „öffentliche Handlung“ verstanden wurde.

Von den Bürgern der Polis wurde mutiges und vortreffliches Handeln für die Gemeinschaft erwartet, herausragende Leistungen mussten durch Sprache und Tat erbracht werden, die nicht durch alltägliche Sorgen behindert werden durften:

„Den schützenden Bereich von Hof und Haus zu verlassen, ursprünglich wohl, um sich in irgendein Abenteuer oder ein ruhmversprechendes, großes Unternehmen einzulassen, später, um sein Leben innerhalb der öffentlichen Angelegenheiten zuzubringen, erforderte Mut, weil man nur innerhalb des Privaten der Sorge um das Leben und das Überleben obliegen konnte. Wer immer sich in den politischen Raum wagte, musste auch bereit sein, sein eigenes Leben zu wagen [...]“ (HA, S.46)

Im Gegensatz dazu ist dieses politische Verständnis in unserer modernen Massengesellschaft verlorengegangen: das „Private“ hat Einzug in das politische Leben gehalten. Wir denken uns „Gesellschaft“ als eine Art überdimensionierten „Familienkörper“, der wie ein gigantischer Haushalt verwaltet werden muss. Somit bestimmen praktische, lebenserhaltende Notwendigkeiten politisches Denken. Es hat sich eine Über – Familie gebildet, deren politische Organisationsform die Nation bildet (HA, S. 39).

Um dieses riesigen Familiengebilde verwalten und organisieren zu können, sind Gesetze und Regelungen notwendig, die den Einzelnen normieren und ihn in das größere Ganze einpassen - somit seine Freiheit beschränken. Individualität, vortreffliche und außergewöhnliche Taten im Sinne von Abweichung von der Norm, Gedankengänge, Philosophien und Lebensentwürfe, die der Gesellschaft entgegengesetzt oder nicht kompatibel sind, werden in der Regel von ihr aufgesogen und integriert oder gehen in der Masse „als Spinnereien und Subkulturen“ unter. Gehör in einer breiteren Öffentlichkeit finden sie in der Regel nicht.

Wesentliche Gemeinsamkeit dieses Familienkollektivs ist es, dass jeder in die Arbeitsprozesse eingebunden ist: wer nicht arbeitet, steht außerhalb der Gesellschaft (darunter ein geringer Prozentsatz außergewöhnlich reicher Personen, die durch Besitz bestimmte Freiheiten und Unabhängigkeit geniessen, in der Mehrzahl aber Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Rentner). „Arbeit“ wird als das wesentliche Gut des Menschen betrachtet, ohne das er nichts wert ist und in einem gewissen Sinne auch wenig am politischen Leben partizipiert, bzw. Einfluss nehmen kann, außer, im Falle der Rentner, als wirtschaftliche Kaufkraft.
Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose kämen wohl weniger auf die Idee, sich als von der täglichen Sorge ums biologisch Notwendige befreite Menschen zu sehen, die somit ihre Zeit für das öffentliche Wohl einsetzen könnten, wie es in der griechischen Polis verstanden wurde.

Die Fähigkeiten des Menschen, wie sie von Hannah Arendt beschrieben wurden, sind nun auf zwei Merkmale reduziert: Arbeiten und Herstellen. Handeln wurde in der heutigen Gesellschaft mangels eines „öffentlichen (Frei)raumes“ zugunsten des „sich Verhaltens“ (vorzugsweise nach der allgemein herrschenden Norm) weitgehend aufgeben, bzw. existiert „Handeln“ im Denken heutiger Menschen nicht mehr in der oben beschriebenen Form.
Praxis der Aphrodisia



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Anmerkungen

danke für den guten...
danke für den guten artikel
glaeserruecken - 26. Sep, 14:54
vielen dank für...
vielen dank für den guten post
glaeserruecken - 26. Sep, 14:49
ein schneller Gedanke
Wie weit geht denn diese "Idee" des Verzeihens? Eine...
IkarosSikinnos - 17. Apr, 11:36
Ich glaube nicht, das...
Ich glaube nicht, das die Griechen die Handlungen ihrer...
babu (Gast) - 31. Mrz, 21:36
Klingt alles sehr gut! Ich...
Klingt alles sehr gut! Ich freu mich schon auf das...
larissa-laura - 27. Mrz, 18:37
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kann ich mich sehr gut daran erinnern. es war auf der...
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Das ich mich mit diesem Saft über mehr als die...
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