Im Herbst letzten Jahres veranstaltete die AG Bahnhof des Rabenclan e.V. in Kooperation mit dem Verein
„Der Dritte Ort“ einen theoretischen Workshop mit dem Kulturtheoretiker und Philosophiedozenten PD Dr. Narahari Rao (Saarbrücken) zu Grundlagenfragen beim Verständnis heidnischer und neuheidnischer Traditionen. Im Zentrum stand die Frage wie Rituale und die für naturreligiöse Traditionen eigentümlichen personalen Beziehungen zu Pflanzen, Tieren und Gegenständen zu einem guten und gelungenem Leben beitragen. (Den Bericht dazu findet Ihr
hier )
Nun wollen wir am Wochenende vom 8. bis 10. August über das Thema "Götter und Menschen" nachdenken. Im Zuge der Esoterik-Welle wurden Götter wieder populär, oft allerdings in verflachter, trivialisierter oder psychologisierter Form. Wir werden in unserem Workshop folgenden Fragen nachgehen: Was macht Götter aus? Warum haben Götter Schwächen und Grenzen? Was heißt es, wenn Götter ihre Grenzen überschreiten? Wie hängt das mit dem zusammen, wenn Menschen ihre Grenzen überschreiten?
Eine Teilnahme ist nur nach Voranmeldung möglich, da die Teilnehmerzahl aufgrund der Räumlichkeiten begrenzt ist. Im ebenfalls begrenzten Umfang stehen private Schlafplätze für Auswärtige zur Verfügung.
Um den Workshop zu finanzieren gilt für Rabenclan Mitglieder eine Teilnahmegebühr von 50 Euro, für Nichtraben 80 Euro. Studenten und andere Menschen mit geringerem Einkommen erhalten einen Nachlass von 20 Euro.
Meldet Euch bei Interesse möglichst bald bei der AG Bahnhof (bahn [at-Zeichen] rabenclan.de ), um Euch einen Platz zu sichern.
Stefanie Imann - 11. Jul, 15:02

Endlich ist es soweit: unser lange geplanter "Morgensalon" wird am Sonntag, 13. Juli um 11 Uhr starten! Um etwas mehr städtisches Flair zu erzeugen und auch, um weitere Vernetzungen voranzubringen, entschieden wir uns für unser derzeitiges Lieblingsbistro, das
L`Aristokrassie. Die freundliche Betreiberin Christine stellt uns ihre Räumlichkeiten sowie einen leckeren französischen Brunch zur Verfügung, ab 13 Uhr werden wir mit angenehmer Jazz Musik verwöhnt.
Zum Einstieg haben wir uns Sten Linnander eingeladen. Der Sohn eines schwedischen Juristen in internationalen Regierungsdiensten und einer frühen Aktivistin gegen Frauenbeschneidung wuchs u.a. im Nepal und Afghanistan auf und studierte später Geophysik. Der humorvolle, kosmopolitische Freigeist bewegt sich seit langen Jahren in alternativen Forschungszusammenhängen jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams und steht im Austausch mit den ungewöhnlichsten Denkern, Bastlern und Erfindern. Als Kenner vieler sozialer Experimente war er vor 30 Jahren am Aufbau eines umfassend angelegten, alternativen Gemeinschafts- und Siedlungsprojekt beteiligt, das er Mitte der 90er verließ. Derzeit kümmert er sich darum, dass ein Satellit mit bemerkenswerten Aufgaben ins Weltall kommt.
Um diesen Satelliten wird sich auch die Gesprächsrunde unserer ersten polytopen Morgengesellschaft drehen. Die Idee dahinter: "KÖNNEN BILDER DIE ERDE RETTEN?" So heißt der Titel des Artikels von Fred Pierce in der neuesten Ausgabe des Arte Magazins, der sich mit der Frage beschäftigt, inwieweit Bilder der Erde, die sowohl das Ausmaß der Zerstörung, als auch die unbeschreibliche Schönheit der Erde zeigen, Menschen zum Handeln bringen können. Es heißt dort: "Eine der berühmtesten und bedeutendesten Fotografien der Erde ist das Bild "Earthrise", das 1968 während der Mondumkreisung durch Apollo 8 entstand. Es hing als Poster in Millionen von Studentenzimmern und wurde zum symbolträchtigen Schlüsselbild der Umweltbewegung".
Bald können wir nicht nur ein Poster der Erde an unserer Wohnzimmerwand betrachten, sondern ein Livebild der gesamten Erde, die sich langsam um ihre Achse dreht, auf unseren Bildschirmen bestaunen. Und das ohne Flimmern, gestochen scharf. Sten Linnander präsentiert ein Projekt, durch das es möglich wird unseren Planeten live, als Kunstwerk und als intimen Freund zu erleben. Er ist fest überzeugt: Diese Begegnung mit der Erde könnte uns eine neue, gemeinsame, für alle ersichtliche Perspektive für das Leben auf unserem Heimatplaneten bieten. Sie öffne Tore für ein neues Bild der Erde, aber auch für ein neues Bild des Menschen und unserer intimen Verbindung mit der Erde und dem Universum.
Stefanie Imann - 30. Jun, 18:18
Nach zweijähriger Pause beschlossen wir in diesem Jahr als einen Anfangspunkt in Köln unser traditionelles Osternester Suchen wieder aufzugreifen. Mit Evas Unterstützung wurden Einladungen verschickt, Einkäufe getätigt und der Raum schön hergerichtet. Zwei Zufallsgäste halfen bei der Gestaltung des Büfetts und so fanden sich am Ende ein gutes Dutzend Menschen zum späten Frühstück ein. Etwas unkoordieniert wurden danach eilig die Nester und einzelne Eier versteckt. Das Wetter spielte an diesem Tag wunderbar mit und das war auch wichtig: die Sucherei zog sich dann doch beinahe eine Stunde hin.
Danach versammelte sich die Truppe gemütlich vor dem Kamin, Zeit für Gespräche. In verschiedenen Konstellationen wurden zukünftige Aktivitäten geplant: zusammen mit dem
Dritten Ort ist zunächst eine Art "SonntagsMatinee" an verschiedenen Orten in Köln geplant. Arbeitstitel ist vorläufig "poly - tope Gesellschaft" - was mich aber noch nicht so recht vom Hocker reißt. Als Startpunkt wird es ab Mai jeweils monatlich ein gemeinsames Sonntagsfrühstück mit "Kultur" geben. Eine erste Gästeliste ist erstellt, vier Termine stehen bereits Fest.
Beinahe größeren Anklang fand die Idee eines regelmäßigen "Abendsalons" der als Erweiterung oder später an Stelle des Sonntagsfrühstücks in Planung ist. Wir freuen uns auf jeden Fall auf den Start einer ersten Testphase in zwei Monaten. Wichtig ist uns lediglich ein inhaltlicher Zusammenhang aller Veranstaltungen, die dazu dienen, neue Netzwerke aufzubauen und unseren Lebensstil zu erweitern und darzustellen.
Stefanie Imann - 25. Mrz, 19:12
Trotz gräßlichem Aprilwetter mitten im März zwei wunderbare Tage im Kölner Stadtleben verbracht. Gestern, nach eingen Fehlschlägen in einem netten indischen Imbiss auf der Aachener Straße gelandet. Die Laune stieg langsam, selbst die vereinzelten Hagelschauer konnten daran nichts ändern. Beinahe Berliner Flair erlebten wir danach in bequem eingesessenen Sesseln im Cafe Schmitz. Bei gutem Kaffee und leckerem Schokotörtchen die Zeit vergehen lassen, Leute beobachten (wobei mir mal wieder auffiel, wie merkwürdig der Kölner Kleidungsstil ist: Stilbrüche gehören da unbedingt dazu), das kulturellle Angebot prüfen. Wir entschieden uns dann für den schon etwas älteren Film Elisabeth und haben uns gut unterhalten. Auffällig: Cate Blanchett spielte sämtliche Mitakteure mühelos an die Wand, so dass diese doch etwas blass wirkten. Recht kitschig wurde es phasenweise auch: sie in glänzender Rüstung auf dem weißen Pferd - doch das gehört eben zu so einem Schinken mit dazu. Danach noch gemütlicher Ausklang des Abends in einer unserer Lieblingsbars.
Heute dann aufwachen mit Blick auf den Schnee im Garten. Nettes Frühstücken bei den Nachbarn, der Besuch dort hatte frische Brötchen beigesteuert. Mit Eva und Brigitta gings dann zum Einkauf fürs morgige Osterfrühstück, schwer beladen (mit Futter für mindestens die ganze Woche) zurück ins "Dorf" und zum traditionellen Eierfärben bei Heide, wie immer gemütlich bei Tee, kandiertem Ingwer und anderen Leckereien.
Da Julio noch dringend nette Beigaben für die Osternester besorgen wollte, machten wir uns am späten Nachmittag erneut auf den Weg in die Innenstadt. Vorgesehen war eigentlich nur ein kurzer Gang zum
Zweitausendeins auf der Ehrenstraße. Jedoch wurde unterwegs noch allerlei Schnickes in diversen Läden gefunden, der Buchladen später schließlich mal wieder schwer bepackt verlassen. Beinahe verhungert fanden wir nach mehreren Irrwegen zu einer Neuentdeckung von uns, dem
Alcazar. Danach leichte Ermüdungserscheinungen: der geplante Kinobesuch fiel aus, stattdessen Ausklang dieses Abends in der heimatlichen Badewanne.
Stefanie Imann - 22. Mrz, 22:52
Die neue Lettre International, Heft 80 fängt diesmal sehr vielversprechend poetisch mit einem Artikel von Giwi Margwelaschwili an: "Wir sind Alpinisten der Gedichtweltverwaltung und klettern in den Bergen des Herzens. Wir haben uns den höchsten Berg in dem ganzen Herzgebirge als Ziel genommen, den Gipfel der reinen Verweigerung. So heißt dieser Peak. Übrigens nicht zu Unrecht, denn majestätisch hoch und unnahbar ragt der Zacken in den Himmel. Eigentlich sind wir eine Rettungsmannschaft. Viel zu oft kommt es nämlich vor, dass sich ein lyrisches Ich in diesem Gebirge versteigt und klagend seine Hilferufe per Funk in die schon ziemlich dünne Gedichtwelthochgebirgsluft hinausschickt."
Wunderbar geht es später, nach längerer Auflistung diverser, lauernder Gefahren ins diesem Gebirge, weiter: "Jetzt könnten Sie sich fragen, lieber Leser, ob wird den lyrischen Egos in den Niederungen und Tiefebenen der Gedichtwelt auch hinreichende Informationen über die große Gefahr haben zukommen lassen, die der Peak des Herzhochgebirges für sie bedeutet. Sie könnten fragen, ob wir diesen Egos auf extra dazu einberufenen Versammlungen nicht einschärfen, dass es für sie notwendig ist, den Peak - wenn überhaupt - nur gemeinsam und unter der Führung eines erfahrenen Herzbergsteigers der Versweltverwaltung zu besteigen. Und Sie würden vielleicht staunen, wenn wir Ihnen antworteten: "Nein, mein Herr, den lyrischen Egos, die auf den Peak des Herzhochgebirges wollen, raten wir in keiner Weise ab. Wir informieren sie vorsätzlich nicht über die Gefahren, die sie beim Aufstieg dort erwarten. Damit würden wir die Lyrischen nur abschrecken, sich in unserem Herzhochgebirge als Bergsteiger zu versuchen." [...]
Sieht diesmal nach sehr guter Lektüre aus, zumal die Lettre diesmal noch mehrere weitere Artikel bringt, die mich sehr interessieren.
Stefanie Imann - 21. Mrz, 23:53
"Handeln, das an Untaten versagt, dem die Untat gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht, bewegt sich im Geflecht der Taten, und Verfehlungen sind auch Taten in dem gleichen Sinne, wie mißratene Gegenstände immer noch das Produkt des Herstellens sind. Dass aber das Vergeben eine dem Handeln selbst innewohnende Fähigkeit zur Korrektur des Mißratenen ist, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der merkwürdigen Tatsache, dass das Verzeihen, also das Rückgängigmachen eines Gehandelten, die gleiche Person-enthüllenden und Bezug-stifenden Charaktere aufweist wie das Handeln selbst." (Hannah Arendt, Vita aktiva, S. 308)
Arendt führt im weiteren aus, dass das Vergeben immer ein persönlicher Akt ist: nicht die Tat an sich wird vergeben, sondern man verzeiht eine Sache um einer Person selbst willen. Man könnte sagen, dem menschlichen Aspekt, der niemals unfehlbar ist. Diese Art zu Verzeihen schafft wiederum Bindungen und Bezugsrahmen der Menschen untereinander. An Orten, an denen mir auch "Fehltritte" vergeben werden, an denen auch "Unglücksfälle" oder Leiden um meiner selbst willen in Kauf genommen werden, kann ich immer wieder neue Abenteuer wagen, neue Dinge erproben - es ermöglicht mir ein Leben in Freiheit und ein Ausschöpfen meiner Möglichkeiten. Gleichzeitig setzt natürlich ein Lerneffekt ein: eine Gruppe, die im sozialen Zusammensein neue Wege einschlagen möchte, anfängt eigene Regeln für ein Miteinander aufzustellen, ist sich dessen bewußt, dass an diesen Stellen mehr Fehler passieren werden, als dies auf ausgetretenen Pfaden der Fall ist. In der gemeinsamen Auseinandersetzung wird ebenfalls klar, dass das "Unrecht" als solches bestehen bleibt: jemand hat sich falsch verhalten und gleichzeitig die Gruppe oder einzelne ihrer Mitglieder in Mitleidenschaft gezogen. Ein höheres Maß an gegenseitigem Verständnis ist nötig, gleichzeitig ist von den Beteiligten allerdings ein höheres Maß an Umsicht gefordert.
Stefanie Imann - 10. Mrz, 23:18
"Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit - dagegen, dass man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte und nicht wissen konnte, was man tat - liegt in der menschlichen Fähigkeit, zu verzeihen. [...] Verfehlungen sind alltägliche Vorkommnisse, die sich aus der Natur des Handelns selbst ergeben, das ständig neue Bezüge in ein schon bestehendes Bezugsgewebe schlägt; sie bedürfen der Verzeihung, des Vergebens und Vergessens, denn das menschliche Leben könnte gar nicht weitergehen, wenn die Menschen sich nicht ständig gegenseitig von den Folgen dessen befreien würden, was sie getan haben, ohne zu wissen was sie tun. Nur durch dieses dauernde gegenseitige Sich - Entlasten und Entbinden können Menschen, die mit der Mitgift der Freiheit auf die Welt kommen, auch in der Welt frei bleiben, und nur in dem Maße, in dem sie gewillt sind, ihren Sinn zu ändern und neu anzufangen, werden sie instand gesetzt, ein so ungeheueres und ungeheuer gefährliches Vermögen wie das der Freiheit und des Beginnens einigermaßen zu handhaben." (Hannah Arendt, Vita Aktiva oder vom tätigen Leben, Piper, 3. Auflage 2005, S.303ff)
Hannah Arendt bezieht sich in dieser Textstelle auf ihren Begriff des "Handelns" - also Taten, die einen Anfang haben, sowie jemanden der sie beginnt und "Mittäter", die die Tat unterstützen und voranbringen. Ein Beispiel wäre der Bau eines Wikingerschiffes und die darauf folgende, gemeinsame Raubfahrt an fremde Gestade. NIemand kann vorher absehen, ob die Schiffsbesatzung überleben wird, im Sturm umkommt, reiche Beute mit nachhause bringt oder arm und verwahrlost an den heimatlichen Herd zurückkehrt. Es steht jedermann frei, an der Fahrt teilzunehmen, Fehler in der Planung oder Unwissenheit über ferne Länder sind mögliche Gefahrenquellen, auf die die Mannschaft sich einläßt.
Allerdings läßt sich Arendts Zitat ebenso auf beinahe alle Situationen des menschlichen Miteinanders anwenden: Menschen treffen täglich mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Unzulänglichkeiten aufeinander: sei es beim gemeinsamen Abendessen, bei der Planung einer Veranstaltung, in Gemeinschaftsprojekten oder ganz profan wenn sie irgendeine Form von Arbeit zusammen unternehmen und sei es nur die Zubereitung einer Mahlzeit. Verschiedene Meinungen und Herangehensweisen prallen dann oft aufeinander.
In der Regel sucht man sich mit zunehmendem Alter und Erfahrung die Menschen recht genau aus, mit denen man häufiger am gleichen Tisch sitzen möchte. Ebenfalls wird einem zunehmend bewußt, dass es den "perfekten" und immer richtig handelnden und sprechenden Menschen nicht gibt. Und man selbst diese Perfektion aller Wahrscheinlichkeit nach genauso wenig erreichen wird. Dort setzt schon der erste "Verzeihensmechanismus" mir selbst gegenüber ein: immer wieder Fehler zu machen und gerade im zwischenmenschlichen Bereich niemals allen gegenüber wirklich fair und gerecht handeln zu können. Im Laufe der Jahre findet sich, wenn alles gut läuft, aus diesem Gesamtpool der "Unperfekten" ein wohlwollender Freundeskreis zusammen, der in etwa dem eigenen Lebensstil mit all seinen Bedürfnissen, Werten und alltäglichen Umgangsformen am Meisten entspricht. Dieser Kreis an Menschen kann in Kontinuität allerdings nur dann Bestand haben oder sogar produktiv tätig werden, wenn sich alle Beteiligten der Notwendigkeit des ständigen Verzeihens bewußt sind - normalerweise eine soziale Fertigkeit, die wir schon als Kinder in der Familie erlernen. Bei dem täglichen "Verzeihen" scheint es sich um eine Art "sozialen Vertrag" zu handeln, der stillschweigend zum größten Teil von allen eingehalten wird. Personen, die diesen Vertrag nicht einhalten und unnachsichtig jeden Verfehlung und jede vermeintliche Charakterschwäche der anderen deutlich und öffentlich aussprechen (ohne sich selbst über die eigenen Unzulänglichkeiten bewußt zu sein oder diese gleichwertig und im Sinne gegenseitigen Verständnisses zur Diskussion zu stellen) fallen normalerweise früher oder später aus dem Kreis der Freunde heraus. Ein soziales Miteinander, dass durchaus auch Kritik und Diskussion zuläßt, ist ohne die grundsätzliche Bereitschaft des Verzeihens und wirklichen Vergebens und Vergessens nicht möglich.
Stefanie Imann - 8. Mrz, 15:58
Über 300 Seiten von Richard Sennetts Werk habe ich nun hinter mir. Ob ich die restlichen gut 130 auch noch schaffen werde? Leider muss ich das bezweifeln. So beeindruckend Sennetts Persönlichkeit in der direkten Diskussion ankommt, so sehr langweilte mich sein Buch. Ich kann mich auch erinnern, es ging mir schon einmal so. Was man seinem aktuellen Werk zugute halten muss: es ist auf jeden Fall leicht verständlich. Mein Wissen über die zehntausendjährige Geschichte der Ziegelsteinherstellung hat sich deutlich erhöht. Ebenso bin ich über alte Handwerkskünste wie Glasbläserei, Töpfern, Geigenbau sowie diverse französische Kochrezepte bestens informiert.
Was mich eigentlich interessierte, blieb weitgehend auf der Strecke bei dieser Fülle an langatmigem Detailwissen. Orginelle Gedankengänge, die über die bereits in der Diskussion am Freitag hinausgehen, finden sich kaum. Die gesellschaftlichen Auswirkungen auf das zunehmende Verschwinden der Handwerkskunst werden wenig behandelt, ebenso vermisse ich weitere Beispiele, auf welche Lebensbereiche sich die handwerklichen Fertigkeiten und ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben ausdehnen lassen. Passagen wie diese haben im Buch leider Seltenheitswert:
"Es mag der Eindruck entstehen, dass dieses Verständnis guten Übens der Verbindlichkeit zu geringe Bedeutung beimißt, doch ein verbindliches Engagement dieser Art hat zwei Seiten: die Entscheidung, dass eine Sache es wert sei, getan zu werden, oder dass eine bestimmte Person es wert sei., Zeit mir ihr zu verbringen; und die Pflicht, die wir gegenüber einer Sitte oder den Bedürfnissen eines Menschen empfinden. Der Rhythmus organisiert eine Verbindlichkeit im zweiten Sinne. Wir lernen, wie wir eine Pflicht immer wieder erfüllen. Theologen haben schon vor langer Zeit gezeigt, dass religiöse Rituale wiederholt werden müssen, wenn sie Überzeugungskraft erlangen sollen: Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Die Wiederholung sorgt für Stabilität, doch in der religiösen Übung wird sie deshalb nicht schal. Der Zelebrierende antizipiert jedes Mal, dass etwas Bedeutendes geschehen wird." (a.a.O., S.238)
Stefanie Imann - 6. Mrz, 16:27
Seit Mitte August letzten Jahres sind wir nun in Köln gelandet. Weg vom einsamen Dorfleben, irgendwo in der Nähe Gießens, kulturell beinahe verhungert. Was wir hier angetroffen haben ist eine fast schon ländliche Idylle hinter einer häßlichen Tankstelle. Über einen kleinen Weg erreicht man ein grünes Gelände, mit kleinen, hingetupften Häuschen. Von Anfang an durch die 72-jährige Vermieterin und deren Tochter freundlich aufgenommen und des öfteren mit köstlichem Essen verwöhnt.
Recht schnell wurde klar, dass unser ruhiges Leben der letzten

Jahre sein Ende gefunden hatte: zunächst wohnte
Jens für einige Monate bei uns, der mittlerweile ganz nach Köln übersiedelte. Ab Februar zogen Eva und
Dave in eines der Nachbarhäuschen. Vorgestern großes Reibekuchen Essen mit acht Leuten bei Heide, der Vermieterin. Beinahe fühlt man sich an alte Familientage zurückerinnert: Häufig finden sich "Dorfbewohner" und Gäste rund um Evas und Daves Kamin zum gemeinsamen Abendessen ein.
Weitere Schritte in eine größere Öffentlichkeit sind geplant: Am 15. März wird es hier ein erstes Planungstreffen zu
Calibans wundersamer Wandlung geben, gefolgt von einem Ostereier Versteck - und Suchspiel am Ostersonntag. Alles wunderbar und genau wie ich es mir gewünscht habe. Trotzdem gewöhnungsbedürftig: Plötzlich kommen Menschen unversehens zum Plausch vorbei, Nepalreisende stranden an unseren Gestaden, Nachbarn bringen Prospekte zur Verschönerung unserer Wohnung vorbei und Heide sucht Unterhaltung beim Ausführen ihrer Hunde. Dazu kommen dann natürlich noch eigene Gäste, die ebenfalls mit am Abendbrottisch integriert werden. Spannend, wies hier weitergeht. Kulturelle Abendsalons seitens des
Dritten Ortes sind in Planung.
Stefanie Imann - 2. Mrz, 13:00